Warum du dein Handy beim Arbeiten lieber in der Tasche lassen solltest

Eine texanische Studie legt nahe, dass uns das Smartphone durch seine bloße Anwesenheit Hirn-Kapazität klaut.

© Rodion Kutsaev - unsplash

Meine Freundin Cornelia behauptet immer, wenn wir mal alt sind, werde es keinen mehr geben, der in der Lage ist, uns am offenen Herzen zu operieren, weil die Generation Z völlig verlernt habe, sich länger als drei Minuten auf eine Sache zu konzentrieren. Länger ist das durchschnittliche Zeitfenster, in dem vor allem die Jugend nicht mit ihrem Handy interagiert, in der Regel wirklich nicht. Noch können wir darüber lachen. Aber ist was dran am schleichenden Konzentrationsverlust und welche Rolle spielen unsere allzeit bereiten Smartphones in diesem Szenario wirklich? Die Resultate zweier Studien aus Texas legen nahe: eine ziemlich bedeutende.

Was wären wir ohne unser Smartphone? Handys sind heute nicht mehr wegzudenken. Sie ermöglichen uns den permanenten Zugang zu allen möglichen Informationen, zu Kommunikation mit unseren Freunden, zu Musik und vielem mehr. Sie sind unser Organizer und unser Navi, unsere News- und Nonsense-Plattform. Aber zahlen wir vielleicht einen hohen Preis dafür? Eine texanische Studie von 2017 belegt, dass unser ständiger Handykonsum sogar mit erheblichen kognitiven Einbußen einhergehen kann. 

Die „Brain drain“-Hypothese

Führt die bloße Anwesenheit des eigenen Handys dazu, dass Teile unserer limitierten kognitiven Ressourcen „besetzt“ sind? Also weniger geistige Kapazitäten für andere Aufgaben verfügbar sind, zum Beispiel für komplexe Problemlösungen? Tatsächlich zeigte sich in den Versuchsanordnungen, dass Probanden Aufgaben besser lösen konnten, wenn ihr Handy in einem anderen Raum lag. Besonders stark zeigte sich der Effekt bei Personen, die auch spontan angaben, sehr auf ihr Smartphone angewiesen zu sein.

Im Test hatte eine Versuchsgruppe ihr Handy stumm und umgedreht auf dem Schreibtisch liegen, während Aufgaben gelöst werden sollten. Eine zweite Gruppe sollte das Handy, ebenfalls stumm geschaltet, in der Tasche oder der Jacke lassen und bei der dritten Gruppe blieb das Handy im Vorraum. Es zeigte sich, dass die reine Präsenz des Smartphones die Testergebnisse negativ beeinflusste. Je näher dran, umso schlechter.

Die Teilnehmer, deren Handy auf dem Schreibtisch lag, schnitten im Test dabei am schlechtesten ab. Und dass, obwohl sie nicht darauf schauen durften. Die Probanden, deren Handy nicht im Raum war, erreichten hingegen die besten Ergebnisse. Der Einfluss der Smartphones auf ihre Leistung war den Probanden dabei selbst gar nicht bewusst, einhellig gaben sie an, nicht an ihr Handy gedacht zu haben.

Hard to ignore

Dass selbst ein Handy, das keinen Ton von sich gibt und umgedreht auf einem Tisch liegt, unsere Konzentrationsfähigkeit beeinträchtigt, ist erschreckend. Denn die Realität sieht ja oft anders aus, da ist das Handy selten stumm geschaltet, liegt oftmals sehr präsent in Sichtweite und die meisten Nachrichten, die einlaufen, lesen wir dann auch sofort. Da fragt man sich fast, wie viel cleverer wäre man wohl, wie viel mehr könnte man denn erreichen, würde man nicht dauernd auf das Handy linsen.

Es ist eigentlich ganz simpel: Schwierige Aufgaben, die unsere volle Konzentration erfordern, lösen wir womöglich müheloser, wenn das Smartphone nicht in Reichweite ist. Das bringt natürlich auch nur etwas, wenn wir es schaffen, dann nicht alle drei Minuten hinzurennen und es nach Neuigkeiten zu checken. Schreibt die Autorin dieser Zeilen, während ihr Handy ganz unschuldig neben dem Laptop liegt. Und wie ist das jetzt mit unserem Herzchirurgen, den wir vielleicht irgendwann einmal brauchen? Der lasse bitte sein Handy nicht mit in den OP. Echt jetzt.

Über Johanna Hoffmann

Johanna Hoffmann

Johanna Hoffmann ist Soziologin und untersuchte viele Jahre als Marktforscherin in einer internationalen Medienagentur den Erfolg von Werbekampagnen. Sie interessiert sich insbesondere für das, was Menschen antreibt und schreibt seit März als Autorin für OnlineMarketing.de.

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