Entspanntes Prokrastinieren: Wie Aufschieben deine Produktivität erhöht

Das schlechte Gewissen muss nicht sein: Aufschieben kann dabei helfen, den Kopf frei zu bekommen und neue Lösungsansätze zu finden. Sei aber auf der Hut vor dem Zeitdruck.

© Drew Coffman - Unsplash

Die Aufschieberitis – eine Volkskrankheit. Viele von uns kennen es (80 Prozent der Menschen, um genau zu sein): eigentlich sollte man einer wichtigen Aufgabe nachkommen, deren Deadline näher und näher rückt. Doch dann findet man ein lustiges Video auf Facebook. Einen Bericht über die neueste Staffel Game of Thrones. Oder einen interessanten Wikipedia-Eintrag über die Herstellung von Sauerkraut. Gerade hier, im scheinbar arbeitswütigen Deutschland, ist Prokrastination jedoch verpönt. Schnell wird den Betroffenen nachgesagt, sie seien faul und nicht fähig, sich zu konzentrieren. Doch genau diese Ansicht ist falsch. Aufschieben kann sogar sehr hilfreich sein und unsere Produktivität steigern. Klingt widersprüchlich? Wir erklären dir, wie das möglich ist.

Wieso prokrastinieren wir überhaupt?

Allgemein wird das Aufschieben so definiert: Obwohl man sich der negativen Folgen durchaus bewusst ist, wird das Erledigen von Aufgaben immer weiter vor sich hergeschoben. Doch wieso tun so viele von uns genau das? Prokrastinieren scheint sowohl genetisch als auch charakterlich beeinflusst zu sein. So zeigt eine Studie der University of Colorado, dass wir das Aufschieben zur Hälfte unserem Erbgut zu verdanken haben. Doch bevor du jetzt vorwurfsvoll zu Mama und Papa läufst, hör zu: dein eigener Charakter ist ebenso ausschlaggebend. Besonders emotional instabile Menschen neigen zum Prokrastinieren, während dieses bei den Gewissenhaften seltener vorkommt. Und auch die Art der Aufgabe ist entscheidend. Erfordert sie kreative Gedankenprozesse, die zur Lösung eines Problems führen, nehmen wir dies als positive Forderung wahr und stellen uns ihr. Eintönige, simple, zeitraubende Aufgaben laden hingegen zum Aufschieben ein. Daraus lässt sich schließen, dass die Betroffenen nicht zwingend faul, sondern eher unterfordert sein könnten.

Ein weiteres Problem ist, dass die meisten sich ihre Aufgaben nicht aussuchen können, sondern diese vom Chef bekommen. Und je vager das Ziel formuliert ist, desto eher neigen Arbeitnehmer zum Prokrastinieren. In solchen Fällen geben sie sich meist selbst die Schuld an ihrem Verhalten, obwohl es an dieser Stelle genaue Anweisungen der Führungsebene gebraucht hätte. So zumindest Psychologe Johannes Hoppe von der Martin-Luther-King-Universität Halle-Wittenberg.

Darum ist prokrastinieren gut

Oft sprechen Betroffene davon, dass das Aufschieben ihnen einen Zeitdruck gibt, den sie als Anrtieb benötigen. Aber es gibt weitaus kräftigere Argumente, welche die Vorzüge des Prokrastinierens aufzeigen. So ist unser Arbeitsalltag hektisch, überladen und von der Digitalisierung geprägt. Ist eine Sache erledigt, warten bereits drei andere. Genau deshalb kann das Aufschieben von Aufgaben uns den Alltag erleichtern. Um den Kopf frei zu kriegen und einen roten Faden durch den Tag zu finden, musst du priorisieren. Und im Prinzip machst du genau das beim Prokrastinieren. Statt dich an einer nervigen Aufgabe aufzuhalten, machst du zunächst eine andere. Und selbst wenn du aufschiebst indem du auf YouTube oder Facebook festhängst, kann das einen positiven Effekt haben. Denn bei all der Hektik im Job ist es gut, sich eine Unterbrechung zu gönnen und den Akku wieder aufzuladen.

Außerdem kann Aufschieben auch bei komplexen, Kreativität erfordernden Aufgaben helfen. Der US-Finanzprofessor Frank Partnoy erklärt, dass du schwierige Entscheidungen so lange wie möglich aufschieben solltest. Denn dadurch gewinnst du Zeit, um mehr Informationen einzuholen. So hat man zum späteren Zeitpunkt der Entscheidung vielleicht ein umfassenderes Bild der Gesamtlage, als ganz zu Beginn des Projekts. Übrigens: bekannte Aufschieber waren unter anderem Leonardo da Vinci und Charles Darwin. Auch sie haben in ihrem Leben Großes erreicht, obwohl sie prokrastinierten. Es zeigt sich also, dass das gesamte Phänomen vielschichtig ist und nicht einfach mit Faulheit abgestempelt werden kann.

Pausen statt Aufschieben: Ein Lösungsansatz

Trotz all der genannten Vorteile, sollte man das Prokrastinieren aber nicht unterschätzen. Schlussendlich bleiben immer noch Aufgaben auf der Strecke, deren Deadline schleichend näher rückt. Und den meisten von uns dürfte der elendige Zeitdruck bekannt sein, der einem wie ein Tonnengewicht im Nacken sitzt. Mit eben diesen können viele nicht umgehen. Wenn du also ein Aufschieber bist, aber Zeitdruck hasst, hier eine Lösung: Ersetze das Prokrastinieren durch bewusste Pausen. Letztere sind wichtig, um die Energiereserven aufzuladen, ganz besonders an stressigen Tagen. Statt also beim Gefühl von Überladung und Überforderung einer Ablenkung wie der Sauerkrautherstellung nachzugehen, mach eine richtige Pause von der Arbeit. Zugegeben, das klingt banal. Jedoch zeigen Studien, dass jeder vierte, beziehungsweise sogar jeder zweite Arbeitnehmer seine Pause ausfallen lässt.

Diese Personen tun es, weil sie das Gefühl haben zu viele Aufgaben erledigen zu müssen und weil Pausen zum Teil ein schlechtes Image haben. Jedoch ist es gar nicht möglich, mehrere Stunden am Stück konzentriert durchzuarbeiten. Stattdessen neigen die Pausen-Verzichter ebenfalls zum – genau – Prokrastinieren, um sich so eine Auszeit zu verschaffen. Psychologin Julia Scharnhorst wünscht sich eine richtige Pausenkultur hier in Deutschland, wie sie in anderen Ländern bereits durchgesetzt und anerkannt ist. So gibt es schließlich nicht nur mediterrane Traditionen wie die Siesta, sondern auch nachmittägliche Power Naps. Diese haben sich sogar in Japan durchgesetzt, welches bekanntlich noch arbeitswütiger als Deutschland ist.

So machst du richtig Pause

Pause machen erfordert vor allem eins: abschalten. Die Arbeit soll wirklich beiseite gelassen werden, damit du dich entspannen und regenerieren kannst. Und auch wenn ein Blick aufs Smartphone nicht verwerflich ist, solltest du nicht die ganze Zeit vor dem kleinen Bildschirm verbringen. Experten empfehlen einen Kontrast von der Arbeit zu schaffen. Sitzt du den ganzen Tag am Schreibtisch, dann geh nach draußen und bewege dich in deiner Pause. Hast du viel mit Kunden zu tun oder musst ständig telefonieren, gönne dir einen Moment der absoluten Stille. Desweiteren empfiehlt Scharnhorst, dass man über den Tag verteilt mehrere kleine Pausen und eine etwas längere Mittagspause machen sollte, anstatt einer einzigen riesigen Pause.

Ein gutes Intervall sei es, nach 90 Minuten konzentrierter Arbeit eine Auszeit zu nehmen. Und auch wenn du denken könntest, dass dadurch Arbeitszeit verloren ginge, ist dem nicht so. Denn die kleinen Auszeiten steigern die Produktivität. Du gehst konzentrierter an die Arbeit und neigst vor allem nicht zum Prokrastinieren. Bist du die Aufschieberitis also Leid und willst dich davon befreien, versuch es doch mal mit den aktiven Pausen. In jedem Fall ist diese Methode besser, als irgendwann mit Zeitdruck im Nacken in Panik zu verfallen – schließlich lauern die Deadlines immer und überall.

Über Michelle Winner

Michelle Winner

Nachdem Michelle Winner Erfahrungen in einer Lokalzeitung und im Eventbereich gesammelt hat, unterstützt sie nun seit 2017 die Redaktion und schreibt für das OnlineMarketing.de Karrieremagazin über Themen rund um den Büroalltag.

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