Corona-Anxiety: So wirken sich Angst und Sorgen auf Psyche und Leistung aus

Eine Sorgenfalte tragen momentan viele von uns zwischen den Brauen. Doch trotz Angst um Zukunft, Job und Finanzen können wir die Krise mental gesund überstehen. Wir zeigen wie.

© Fernando @cferdo - Unsplash

Obwohl wir schon lange in China und Italien die Auswirkungen der Coronakrise beobachten konnten, hat Deutschland lange die Füße stillgehalten. Viele waren der Meinung, dass es uns nicht so hart treffen könne und hohe Infektionszahlen sowie Ausgangssperre und Social Distancing uns nicht betreffen würden. Nun sind wir eines Besseren belehrt. Als Folge der Krise sind viele Menschen in Deutschland von Ängsten geplagt. Angst vor der Krankheit selbst, Angst um den Job, Angst vor der Zeit nach Corona. Die Situation traf uns unvorbereitet und Schuld daran sei, dass wir in einer „Illusion von Sicherheit“ lebten und Handlungsmuster für verschiedenste Problemstellungen hätten. Das sagt zumindest Psychologe Jonas Baumann-Fuchs, zu dessen Steckenpferden neben Psychotherapie auch Management gehört. Er erklärt, wieso sich psychische Leiden besonders in der Coronakrise bemerkbar machen und verstärken.

Unerwarteter Kontrollverlust als größter Stressor

Laut Baumann-Fuchs sei unsere Gesellschaft geübt darin, Unsicherheiten auszublenden, um so den Kontrollverlust zu vermeiden. Der Psychologe erklärt:

Teilweise herrscht(e) sogar ein Gefühl von Machbarkeitswahn. Verdrängen, ignorieren, bagatellisieren und verleugnen können bis zu einem gesunden Maß hilfreiche Strategien sein, wieder Kontrolle und damit Sicherheit zu erlangen.

Das Maß sei, seiner Meinung nach, jedoch überschritten worden. Dadurch würden wir Fähigkeiten verlieren, die uns dabei helfen, Krisen und Herausforderungen zu meistern. Und damit hat Baumann-Fuchs vielleicht nicht ganz Unrecht. Denn während durchaus Menschen gibt, die das Coronavirus frühzeitig ernst nahmen, haben viele es lange Zeit belächelt. Schuld daran ist vor allem die frühzeitige Panikmache in den Medien, aber auch die fehlende Aufklärung und die Verbreitung von Fake News. Doch nun sind wir innerhalb weniger Wochen selbst Betroffene geworden, müssen plötzlich im Home Office arbeiten, sind auf Kurzarbeitergeld angewiesen oder bangen um unsere Existenz. Die Angst vor der Gegenwart sowie die Angst vor der Zukunft hat viele fest im Griff und öffnet den Weg für psychische Erkrankungen. Baumann-Fuchs erläutert:

Eine Krise löst oftmals Hilflosigkeit und Verlust der Handlungsfähigkeit aus, wir fühlen uns ohnmächtig. Diese Symptome kennen wir aus depressiven Erkrankungsbildern und Angsterkrankungen. Die vor der Krise aufgebaute Stabilität und Fähigkeiten – wie zum Beispiel das Aufschieben von Bedürfnissen, kann uns auch in einer Krisenzeit als Schutz dienen.

Befallen einen die Begleiterscheinungen der Corona-Anxiety, ist es schwer diesen wieder zu entkommen. Im schlimmsten Fall leiden nicht nur deine Leistung bei der Arbeit und dein Team darunter, sondern auch dein Sozialleben. Denn die physische Isolation stellt für viele eine große Hürde dar. Doch Baumann-Fuchs und andere Experten im Bereich der Psychologie wollen helfen: Anstatt den Fokus auf depressive Phasen und Angstzustände zu legen, möchten sie die Betroffenen darin unterstützen, die Krise zu überstehen. Ihre Tipps und Tricks wollen wir euch natürlich nicht vorenthalten:

1. Angst eingestehen und akzeptieren

Während Ängstliche in den ersten Wochen der Coronakrise oft belächelt oder als Panikmacher betitelt wurden, hat sich die Einstellung heute in weiten Teilen der Gesellschaft verändert. Ja, manche Personen nehmen die Situation immer noch nicht ernst, darunter auch einige Arbeitgeber. Doch ein Großteil hat umgedacht und deshalb dürft ihr als Betroffene offen zu euren Ängsten stehen – ohne Furcht vor Gegenwind. Fangt damit an, euch mit anderen auszutauschen. Ihr werdet schnell feststellen, dass ihr nicht allein mit eurer persönlichen Situation seid. In allen Dingen was die Arbeit betrifft, könnt ihr euch mit euren Sorgen auch an Kollegen oder den Vorgesetzten wenden. So könnt ihr Grundsätzliches klären und auch einige Ängste im Keim ersticken.

Natürlich: Es gibt immer noch viele ungeklärte Fragen, auf die auch die Politik noch keine zufriedenstellenden Antworten liefern kann. Doch trotzdem dürft ihr euch von der Ungewissheit nicht übermannen lassen, denn Angst überträgt sich schnell auf andere weiter. Anstatt euch also in Gesprächen gegenseitig anzustacheln, führt realistische Debatten und diskutiert vielleicht auch über Plan B oder C für den Fall, dass ein Worst Case eintritt. Pro-Tipp: Auf Social Media könnt ihr auf Personen außerhalb eures Bekanntenkreises treffen, die euch ganz neue Sichtweisen eröffnen können. Checkt also regelmäßig, was es Neues in euren Feeds und Timelines gibt.

2. Physical Distancing statt Social Distancing leben

#StayHome ist wichtig und wir als Gesellschaft müssen uns an die von der Regierung vorgegebenen Anweisungen halten, um die Infektionsrate zu senken und so bald wie möglich zur Normalität zurückzukehren. Doch dieses Social Distancing ist ein Graus für viele, denn unser Bedürfnis nach sozialen Kontakten und Nähe bleibt dadurch auf der Strecke. Genau deshalb sollten wir den Begriff umformulieren und das ganze Physical Distancing nennen, wie inzwischen auch die WHO empfiehlt. Denn es geht darum, einander physisch fernzubleiben, aber trotzdem zusammen zu sein – dank Internet und verschiedensten Kommunikationskanälen.

Plant also regelmäßige Treffen mit euren Liebsten via Skype, Discord und Co. Tauscht euch über eure Situation aus, aber findet auch andere Themen als Corona. Zudem gibt es viele Games, die ihr online gemeinsam spielen könnt – einem Spieleabend steht also nichts mehr im Wege. Und auch die Großeltern und andere Personen, die zur Risikogruppe zählen, könnt ihr sehen oder zumindest hören. So muss niemand alleine bleiben und wir alle können uns gegenseitig durch die Krise helfen. Wichtig hierbei ist auch, dass wir unseren Humor behalten. Auch wenn die Lage ernst ist, kann ein Lächeln genau das sein, was deine Angst abschwächt. Unsere Empfehlung: Scrolle dich durch die zahlreichen Corona-Memes und teile die Highlights mit Familie und Freunden. Wir machen mal den Anfang:

 

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3. Vor der Informationsflut schützen

Vor Corona-News gibt es kein Entkommen. Die Nachrichten, egal ob Printmedien, Fernsehen oder Digital, kennen kein anderes Thema mehr und berichten 24/7. Auf Social Media gibt es neben aufbauenden und solidarischen Post viele Beschwerden, Verzweiflung, Trauer und auch Fake News. Und selbst an den Abendbrotstischen wird fast immer über Covid-19 gesprochen. Diese Flut an Informationen kann zur großen psychischen Belastung werden. Genau deshalb ist es wichtig, dass wir lernen damit umzugehen und die Infos in Maßen zu konsumieren. Das kann wie folgt passieren:

  • Anstatt den ganzen Tag Berichterstattungen zu verfolgen, nur morgens und abends die Nachrichten lesen, schauen oder hören.
  • Nicht alles glauben, was online geteilt wird, und Quellen hinterfragen.
  • Zusammengeschnittene Interviews und Ausschnitte von Politikern und Experten immer im Gesamtkontext betrachten – manche Medien nutzen Wortfetzen, um reißerische Überschriften zu kreieren.
  • Toxische Personen auf Social Media blockieren oder stummschalten. Gemeint sind Personen, deren Posts und Stories euch runterziehen und Ängste schüren.
  • Ein Machtwort sprechen und das Thema Corona zum Beispiel vom Abendbrotstisch verbannen.

4. Das eigene Verhalten an die Situation anpassen

Viele fallen vor allem deshalb in ein Loch, weil sie ihre Tagesroutine verlieren. Zu Hause, im schlimmsten Fall ohne Arbeit, gibt es reichlich Zeit zum Nachdenken. Vielen kennen das Gefühl, von den eigenen Gedanken und Ängsten überschlagen zu werden, besonders dann, wenn man nichts zu tun hat. Deshalb ist es wichtig eine Tagesroutine für die Zeit zu Hause zu entwickeln. Stelle dir abends einen Wecker für den nächsten Tag, fertige eine To-do-Liste mit Hausarbeiten an, die du schon lange vor dir herschiebst, arbeite deinen Bücherstapel oder deine Watchlist ab und verabrede dich mit Familie und Freunden im Video Chat. Halte dich beschäftigt und lege dir zur Not eine Art Stundenplan an, damit die Leerphasen zum Grübeln gar nicht erst entstehen beziehungsweise auf ein Minimum reduziert werden. Abgesehen davon, kannst du versuchen aktiv positive News zu konsumieren:


Wir können auch selbst für positive Vibes sorgen, indem wir uns und anderen etwas Gutes tun. Jeder Tag sollte kleine Belohnungen für uns selbst beinhalten – egal ob Schaumbad, leckeres Essen oder ein neues Hightech-Gerät für die Gartenarbeit. Und gleichzeitig spielt Solidarität eine große Rolle für unser Wohlbefinden. Wenn also möglich, könnt ihr beispielsweise freiwillig Atemschutzmasken für Pflegeeinrichtungen und Co. nähen (Anleitungen findet ihr online) oder einfach eure älteren Nachbarn fragen, ob sie etwas benötigen und für sie einkaufen gehen. Es gibt viele Mittel, um anderen in Zeiten von Corona ein Lächeln aufs Gesicht zu zaubern und so gemeinsam gegen die Angst zu kämpfen.

5. Als Team agieren

Das sollte nicht nur innerhalb der Familie, sondern auch unter Kollegen gelten. Die angesprochenen Zukunftsängste rund um Job und Finanzen betreffen nicht nur einen selbst, sondern auch die anderen Mitarbeiter des Unternehmens und die Führungsetage. Und jeder geht anders mit dem Stress und der Angst um. Die einen jammern, die anderen bemühen sich um Optimismus, der Rest ist dauergenervt. So entstehen schnell Konflikte, die es gar nicht geben müsste. Egal, ob ihr noch am Arbeitsplatz sitzt oder auf Home Office umgestiegen seid – ein Großteil eurer Ängste und Sorgen sind die gleichen. Und genau deshalb ist es wichtig, ein Gefühl von Gemeinschaft zu schaffen und vor allem für Austausch zu sorgen.

Als Chef wird Transparenz großgeschrieben. Die Mitarbeiter sollten über alle Entwicklungen auf dem neusten Stand gehalten werden. Ebenso sollte die Klärung von offenen Fragen im Fokus stehen, um so Ängste zu vermindern. Untereinander sollten die Kollegen Verständnis für einander zeigen. Miteinander zu reden und die Sorgen zu teilen, schafft nicht nur ein Gefühl der Zusammengehörigkeit, sondern kann auch einen rehabilitierenden Effekt haben – denn niemand steht allein da mit seiner Angst.

Zusammen allein sein

Angst ist eine natürliche Reaktion auf die derzeitige Situation, die uns plötzlich so heftig getroffen hat. Doch gerade das Gemeinschaftsgefühl kann dazu beitragen, dass die psychische Belastung abnimmt. Anstatt uns also über rücksichtslose Hamsterkäufer in den Läden zu beschweren, sollten die positiven Aspekte im Fokus liegen: Das Dankeschön an all die Arbeitenden, die unsere Infrastruktur am Laufen halten, die Freude in Omas Augen, wenn man sie im Video Chat besucht und das Gefühl, online nicht allein zu sein. Behält man dies zusätzlich zu den oben genannten Ratschlägen im Kopf, lässt sich die Coronazeit gleich viel gesünder überstehen – trotz berechtigter Ängste und Sorgen.

Über Michelle Winner

Michelle Winner

Nachdem Michelle Winner Erfahrungen in einer Lokalzeitung und im Eventbereich gesammelt hat, unterstützt sie nun seit 2017 die Redaktion und schreibt für das OnlineMarketing.de Karrieremagazin über Themen rund um den Büroalltag.

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