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SXSW 2018: 5 Tage Austin – 5 Tage Trip in die Zukunft

Unsere Gastautorin Judith Heinen war vergangene Woche auf der SXSW. Ihre Eindrücke zur weltweit größten Technologie-Messe schildert sie uns in einem Kommentar.

© Judith Heinen, Cocomore

Die SXSW ist nicht nur die weltweit größte Technologie-Messe, sondern auch DAS Kreativ-Festival und Future Panel schlechthin – die Schnittstelle zwischen Digital und Kreativ gepaart mit Visionären und Promi-Flair. Die großen Themen AI, Future of Mobility, VR, AR, Blockchain, Neuro-Enhancements, Future-Trends und Ethical Design wurden hier in unzähligen Sessions und Panels gefeiert.

Austin im SXSW-Fieber

Ich war überwältigt vom Angebot und der Atmosphäre bei der SXSW – die ganze Stadt ist ein Fest! Kuriositäten findet man hier genauso wie tolle Installationen. Was sonst ganz normale Bars oder Geschäfte sind, wird für die SXSW komplett leergeräumt und umgestaltet. Das offizielle Programm des Festivals mit seinen Vorträgen und Panels bietet parallel so viele Sessions an, dass es oft nicht leicht ist, sich zu entscheiden. Und Schlange stehen wird hier in Perfektion gelebt.

Um es gleich vorweg zu sagen: Ich war nicht bei Arnold Schwarzenegger oder Melinda Gates und bin auch nicht um 7 Uhr in die Stadt, um dann ab 8.30 Uhr vielleicht ein Ticket für Elon Musk zu ergattern. Obwohl ich es toll finde, dass wenigstens einer daran arbeitet, dass ein Teil der „zivilisierten“ Menschheit zum Mars flüchten kann, sollten wir die Erde in einem dritten Weltkrieg komplett zerstören.

Geniales Vortragsprogramm fernab von Medienhypes

Größtenteils boten mir die Vorträge, die medial nicht so gehyped wurden, den besten In- und Output. Christopher Noessel (IBM) beispielsweise, der in seinem Vortrag zwischen einer automatisierten Einheit, die nur Befehle ausführt und einem „artificial agentive Service“ unterscheidet, welcher in meinem Namen handelt. Dabei warf Noessel wichtige Fragen auf: „Wie wird sich das maschinelle Lernen auf uns Menschen auswirken, wenn wir uns auf die KI verlassen?“, „Welche scheinbar alltäglichen Implikationen hat das mangelnde Einfühlungsvermögen einer Maschine?“ oder „Welche Use Cases muss eine echte künstliche Intelligenz bedienen, damit sie in meinem Namen handeln kann?“. Noessels Buch ist nach diesem Vortrag ein absolutes Muss: Designing Agentive Technology.

Spannend war auch ein Vortrag von George Kantor (Robotics Institute der Carnegie Mellon University in Pittsburgh, USA) aus dem Bereich AI und „Farming“. Der Titel: „AI Will Help Feed a Growing Planet“. Kantor hat mit seinen Studenten eine AI entwickelt, die die Größe von Trauben und damit die gesamte Ernte berechnen kann. Zudem kann sie Schädlinge erkennen und den Wasserbedarf berechnen. Damit werden echte Probleme in dieser Welt mit AI und Robotern gelöst.

AR und VR – jetzt auch mit Geruch

Begeistert haben mich die AR Games von Sony in der WOW-Ausstellung – Interaktion im Raum, ganz ohne VR-Brille. Das war schon ein bisschen „Holodeck“. Hier wurden Arme geschwungen, um im Wettlauf mit dem Gegenspieler in einer Kugel durch eine andere Welt zu rollen. Die Spielekonsolen und Controller, die wir bis jetzt noch in der Hand halten müssen, werden künftig komplett verschwinden. Reine Gesten triggern die Interaktion.

Sehr beeindruckend und emotional beklemmend empfand ich den Vortrag von Nonny de la Peña. Sie ist eine Pionierin im Bereich VR. In ihrer Arbeit nutzt sie fotorealistische Bilder, um Räume zu erstellen und lässt die Nutzer empathisch nachfühlen, wie es sich in einer Gefängniszelle lebt oder wie man sich fühlt, wenn man Zeuge eines Gewaltverbrechens wird.

Je nachdem, wo die Markierungsfiguren auf dem Koordinatensystem platziert sind, ändern sich Musik, Farbe und Geruch. © Judith Heinen, Cocomore

Realistisches Empfinden war auch Thema des WDR auf der Trade Show. In einer 4D Experience konnte ich virtuell in den Untertagebau abtauchen. Wind und Vibration vermittelten ein Gefühl von Realität im Aufzug unter Tage. Als Give-away gab es ein echtes Stück Kohle. Experiences wie dieses machen es künftig möglich, alle Sinne anzusprechen – auch im olfaktorischen Bereich, wie das Projekt „Aromation“ des Innovation Design Labs von Shiseido zeigt: Auf einem Tisch konnten zwei Markierungsfiguren auf ein Koordinatensystem gesetzt werden. Musik, Farbstimmung und der wahrgenommene Geruch änderten sich durch ein Versetzen der Figuren. Ein echtes synästhetisches Erlebnis.

We are translators

Unsere Rollen als Experience Designer und Agenturpartner wandeln sich. Es ist nicht neu, dass wir die Nullen und Einsen in nutzbare Fenster und Kontrollelemente übersetzen. Hinzu kommt nun, dass wir die Übersetzung zwischen Menschen und Maschinen übernehmen und uns daher über unsere gesellschaftliche Verpflichtung bewusst werden müssen.

An diese Verantwortung appelliert auch der amerikanische Science-Fiction-Schriftsteller Bruce Sterling. Ein kritischer Kauz, der die Message ausgerufen hat: „Technologen, macht mehr Kunst!“ Er meinte damit, dass wir erst einmal Neuerungen verantwortungsvoll ausprobieren sollten, bevor wir Financiers daran teilhaben lassen, um Innovationen zu monetarisieren und zu verbreiten.

Die SXSW ist ein besonderer Kosmos, ein eigenes Ökosystem. Ray Kurzweil hat in seinem Panel die Frage, ob wir in der Matrix leben, mit „JA“ beantwortet. Abends beim Bier zitierte ihn jemand und sagte zu mir, er wolle nicht raus aus der Matrix, es wäre zu schön hier. Stimmt, aber dann könnte ich ja nächstes Jahr nicht wiederkommen nach Austin.

Über Judith Heinen

https://www.cocomore.de/

Seit September 2016 ist Judith Heinen bei Cocomore im Bereich User Experience tätig. Bei denkwerk und people interactive entwickelte sie digitale Produkte und Services für die Marktführer der Branchen Airline, Food und Telekommunikation. Nach vier Jahren im User Experience Team in der Vodafone Group Düsseldorf wechselte sie auf Agenturseite. Judith Heinen hat sich während des interdisziplinären Design-Studium an der Köln International School of Design (KISD) schon früh auf die Themen Usability und User Interface Design spezialisiert.

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