E-Commerce

Kartelle im E-Commerce: Können KIs untereinander selbstständig Preise absprechen?

Illegale Preisabsprachen, die von künstlicher Intelligenz ohne menschliches Zutun getätigt werden. Wie realistisch ist dieses Szenario heute schon?

© Jens Johnsson - Unsplash

Viele Online-Händler setzen Algorithmen zur Preisfindung ein. Die von ihnen genutzten Programme beobachten verschiedene Faktoren und bilden so individuelle Preise für jeden Kunden. Einige der Einflussfaktoren sind der Standort des Käufers, sein Betriebssystem, sein bisheriges Suchverhalten und auch seine Käufe in der Vergangenheit.

Algorithmen zur Gewinnmaximierung

Im Kern verfolgen dabei alle Algorithmen den selben Zweck: Gewinnmaximierung für ihr Unternehmen. Diese kann darin bestehen, wohlhabenden Käufern höhere Preise zu offerieren. Es kann aber auch bedeuten, das gegenseitige Unterbieten bei den Preisen zu unterbinden.

So geschehen in Großbritannien zwischen 2011 und 2015. Zwei Unternehmen – GB Eye und Trod Limited – verkauften Poster über Amazon. Durch das ständige Unterbieten des Konkurrenten verloren beide viel Geld. Also trafen sie eine Absprache, das ruinöse Bieten in Zukunft zu unterlassen. Beide Händler hatten allerdings mehr als 100 Artikel im Bestand, so dass ein Anpassen per Hand nicht möglich war. Daher wurde eine Software entwickelt, die ein gegenseitiges Unterbieten verhinderte. Es sei denn, ein dritter Händler war sowieso günstiger. Die Software funktionierte fast tadellos und ermöglichte es beiden Unternehmen, deutlich höhere Preise zu erzielen. 2015 zeigte sich GB Eye selbst an und legte damit den Betrug offen. Dafür erhielten sie Straffreiheit, Trod Limited musste 200.000 € Strafe zahlen.

Weiterentwicklung der klassischen Kartellbildung durch Menschen

Im britischen Fall wurde ein Algorithmus genutzt, um eine zwischen Menschen getroffene Absprache umzusetzen. Aktuelle Studien warnen jetzt davor, dass für solche Absprachen zukünftig keine Menschen mehr nötig sein werden. Die Computer übernehmen die Kartellbildung dann von alleine.

Der Gedanke dahinter klingt simpel. Jeder Algorithmus hat die Funktion, den Gewinn seines Unternehmens zu maximieren. Am einfachsten gelingt das durch einen hohen Preis. Dieser Preis darf gleichzeitig nicht deutlich über dem der Konkurrenz liegen, da der Käufer sonst abwandert. Wenn alle Algorithmen das erkennen, treiben sie gegenseitig die Preise hoch, weil jeder seinen Gewinn maximieren will. Ein dauerhaftes Senken der Preise, um Käufer zu gewinnen, verbietet sich in dieser Logik, da der Preis irgendwann keinen Gewinn mehr bringt.

Die Befürchtung der deutschen Monopolkommission ist nun, dass die Algorithmen der einzelnen Unternehmen sich austauschen und diesen Prozess aktiv angehen. So treffen nicht mehr die Chefs, sondern die Computer die Absprachen. Wenn alle gleichzeitig mit dem Preis hochgehen, erzielen alle mehr Gewinne. Das Ziel wäre dadurch erreicht und es hätte sich ein Kartell der Algorithmen gebildet.

Keine solchen Kartelle bekannt

Bisher gibt es keine Belege dafür, dass es eine solche Preisabsprache in der Realität schon gegeben hat. Einen Grund dafür sehen die Wissenschaftler Daniel Hennes und Ulrich Schwabe darin, dass die KI-Forschung noch nicht weit genug für solche Absprachen ist.

In einem kürzlich erschienen Artikel in der Frankfurter Allgemeine Zeitung begründen sie ihre Meinung ausführlich. Unter anderem beziehen sie sich auf die Fähigkeit von intelligenten Algorithmen, komplexe Systeme zu verstehen und zu interpretieren. Sie nennen dazu das Strategiespiel GO als Beispiel.

Vor zwei Jahren gelang es einem Computer zum ersten Mal, einen Menschen in dem Spiel GO zu besiegen. Das Spiel ist sehr komplex und erfordert eine große Menge an strategischen Überlegungen. GO findet allerdings – wie alle Spiele – in einer festgelegten Umgebung mit eindeutigen Regeln statt. Solche Bedingungen können von Algorithmen ausgewertet und entsprechende Handlungen vorgenommen werden. In dieser Umgebung war es nur eine Frage der Zeit, bis die Algorithmen angepasst und die Prozessoren leistungsstark genug für einen Sieg waren.

Freier Markt noch zu komplex für Algorithmen

Der freie Markt ist ungleich komplexer und folgt mitnichten klaren Regeln. Es kommen immer wieder neue Spieler hinzu, alte fallen weg. Die Nachfrage und das Angebot ändern sich, die Produktionsbedingungen und damit die Gewinnschwellen verschieben sich. Marktregulierungen von staatlicher Seite können hinzukommen, ebenso wie neue Technologien, die die Herstellung erleichtern. All diese und noch viele weitere Faktoren müsste eine KI berücksichtigen, um selbstständig eine effektive Absprache mit anderen Marktteilnehmern treffen zu können. Der Schritt von GO in die freie Wirtschaft ist somit noch zu komplex für die derzeitigen Programme.

Britische Software funktionierte in einem klaren Umfeld

Die Software für die Preisabsprache der beiden britischen Firmen konnte funktionieren, weil sie erstens einer menschlichen Abmachung zugrunde lag und weil sie zweitens nur für zwei Marktteilnehmer galt. Ein selbstständiges Lernen der Algorithmen war durch die vorherige Vereinbarung nicht notwendig und viele Unsicherheitsfaktoren wurden durch die Begrenzung auf zwei Teilnehmer eliminiert.

Was passiert, wenn die Kartelle doch kommen?

Welche Chancen haben Verbraucher, wenn die KI doch schon intelligent genug für Absprachen sein sollte – oder bald wird? Leider fast keine. Kunden und Verbraucherschützer können in erster Linie nur ein Auge auf die Preise haben und bei Verdacht die Monopolkommission informieren.

Für die Strafverfolgung kommt erschwerend hinzu, dass Algorithmen – im Gegensatz zu den britischen Firmen – keine belastenden E-Mails hinterlassen. Die Beweisführung bei einem Betrug ist so deutlich schwerer als bei klassischen Absprachen.

Auch weiterhin werden Algorithmen die Preise für viele Online-Güter bestimmen. Das mag manchen ärgern, ist aber in vielen Fällen nicht strafbar. In diesem Zuge wird es auch immer wieder passieren, dass Kunden einen zu hohen Preis zahlen. Einfach nur, weil sie sich einen Artikel mehrmals angesehen oder dabei ein neues Apple-Handy benutzt haben.

Bis daraus aber ein selbstständig durch KI gebildetes Kartell wird, wird noch einige Zeit vergehen.

Über Stephan Hütter

Stephan Hütter

Stephan Hütter ist ein Kind des Ruhrgebiets. Als gelernter Sportökonom schreibt er viel über Sport. Dabei hat es ihm vor allem das Sportsponsoring und dessen Einbindung in den Sales Funnel angetan. Seit seiner Selbstständigkeit beschäftigt er sich zudem mit dem Thema digitaler Lifestyle und den damit verbundenen neuen Karrieremöglichkeiten. Seit 2018 schreibt er für OnlineMarketing.de

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