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Facebook, selbststehende Autos und weitere Aprilscherze

Drei Gedanken-Experimente von Ralf Scharnhorst, die Cambridge Analytica, Facebook und selbstfahrende Autos entzaubern.

Alexander Nix, mittlerweile suspendierter CEO von Cambridge Analytica, im vergangenen Jahr auf der OMR Konferenz. © Tina Bauer, OnlineMarketing.de

Aprilscherz-Meldungen, wie wir sie früher als Eintagsfliege aus Zeitungen kannten, sind weniger geworden. Sie wurden ersetzt durch Narrative, die sich manchmal sogar bis zum übernächsten April halten. Und dennoch zu enttarnen sind durch gründliches Nachdenken.

Blenden wir für einen Moment aus, dass ein Uber-Volvo einen Menschen überrollt hat. Und versetzen uns in die ideale Welt, in der das selbst denkende Auto für jeden bremst. Wie das geht? Es erfasst alle sich bewegenden Gegenstände im Umkreis per Radar, Laser, Kamera und Internet. Und berechnet deren mögliche Bahnen voraus. Gut berechenbar: Züge, träge Lastwagen und auch andere Autos. Aber kann es sein, dass die klügsten Köpfe der Welt ohne Radfahrer, Skater und Fußgänger gerechnet haben? Bremst das Auto für jeden Fußgänger, der die Fahrbahn betritt? Was passiert, wenn der Fußgänger diese Gelegenheit nutzt?

Die Macht des Fußgängers

Es beginnt recht risikolos in der Tempo-30-Zone. Einer hat es eilig und wartet nicht auf die grüne Ampel für Fußgänger. Nach und nach merken es alle: sie, das Fußvolk, können gefahrlos die Strasse überqueren. Und damit sogar noch die Reichen ärgern: die Bonzen in ihren neuen selbstbremsenden Benzen stehen still. Aber werden die Bonzen dann noch die neuen Benze kaufen?

Googles selbstfahrendes Auto © Google

Vielleicht braucht es also ein Land, das unachtsames Fußgängertum unter Strafe stellt. Lobbyisten sind gefragt. Den Straftatbestand „Jaywalking“ gibt es bereits, aber kann er flächendeckend durchgesetzt werden? Wenn nicht, wird das selbstfahrende Auto nur ein selbststehendes Auto, jedenfalls im Stadtverkehr.

Die Macht der Drohne

Ein leichterer Aprilscherz: die Paketzustellung per Drohne war einst ein PR-Gag von Amazon. Wirklich getestet hat sie dann die deutsche Post in Ausnahmefällen wie eiligen Transporten zu Inseln.

Die Amazon Drohne. © Amazon

Eine solche Nische könnte das Flugtaxi auch finden – selbstverständlich selbstfliegend, elektrisch-regenerativ und klimaneutral. Aber die breite Masse? Wer sich schon einmal über tieffliegende Drohnenpiloten im Park geärgert hat oder Hubschrauberlärm, der weiss, dass er das nicht will. Und wer schon einmal in einem Hubschrauber mitfliegen musste und durch Böen und Windschatten von Hochhäusern geschaukelt wurde, der fährt doch lieber U-Bahn – frei von Regen und Nebel. Ganz abgesehen von der Sicherheit des Verkehrsmittels: Flugzeuge können notlanden, Hubschrauber stürzen bereits bei kleinen Defekten senkrecht ab.

Die Macht von Facebook

Und nun noch ein ganz leicht zu enttarnender Aprilscherz: Facebook, Cambridge Analytica und die hundertprozentig wirksame Werbung. Kann Werbung alleine einen kompletten Umschwung bei Wahlen leisten oder eine andere Entscheidung ausmachen?

Gewiss: Zur Definition von Werbung gehört, dass sie Verhalten beeinflussen soll. Bereits das reine, häufige sehen einer Marke erzeugt Vertrautheit und damit Vertrauen – wenn es nicht hinterfragt wird.

Dennoch: vor wichtigen Entscheidungen neigen Menschen dazu, sich zu informieren. Aus unterschiedlichen Quellen. Das Risiko, wie Wahlwerbung Journalismus verdrängen kann, haben wir letztes Jahr beleuchtet – hier:

Molly Trump auf der d3con? Was wir aus der US-Wahl für die Werbung lernen können

und hier:

OMR17: Bringt uns Online Marketing den Weltuntergang?

Die Präsentationen, die wir von Cambridge Analytica und ihren psychographischen Segmentierungen der „OCEAN“-Methode gesehen haben, waren nicht überzeugend. Wir machen ein Persönlichkeits-Quiz wie „This Is Your Digital Life“ und danach bestimmt die Werbung, was wir wählen?

Und selbst falls das für die 270.000 Testteilnehmer funktionieren sollte, wie sollte es für ihre Freunde und den Rest der Menschheit funktionieren? Es fehlt der Beweis, dass die Methoden von Cambridge Analytica auch nur ein einziges Mal mehr Werbewirkung erzielt haben. Alles nur ein unvergleichlicher Marketing-Stunt? Es bleibt die Gefahr, dass bei besonders knappen Entscheidungen wie der Brexit-Abstimmung oder der Trump-Wahl auch wenig wirksame Kampagnen den Ausschlag geben.

Fassen wir zusammen: Es wird nie alleine Facebook sein, das uns manipuliert hat. Sondern es sind auch immer wir, die wir uns haben manipulieren lassen. Indem wir uns informieren, können wir Populismus und ungewollter Beeinflussung widerstehen.

Wir müssen uns eine eigene Meinung bilden.

Schade, dass es so wenig Aprilscherze gibt (hier der vorherige von OnlineMarketing.de).  Denn durch informieren, nachdenken, diskutieren und hinterfragen lässt sich viel bewegen. Heute ist ein guter Tag, damit zu beginnen.

Über Ralf Scharnhorst

Ralf Scharnhorst

Scharnhorst Media leistet Marketing-Strategie-Beratung und begleitet die Umsetzung je nach Bedarf auch in Mediaplanung, Einkauf, Analyse und Optimierung. Schwerpunkt ist das datengetriebene Programmatic Advertising. Seit 1996 ist Ralf Scharnhorst Online-Mediaplaner, 2008 hat er Scharnhorst Media gegründet. Er lehrt an der Macromedia Hochschule. Testen Sie mit seinem Online-Marketing-Check ihr Optimierungspotential und folgen Sie Ralf Scharnhorst auf Xing und LinkedIn für die nächsten Artikel.

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