Voluntourismus: Wenn das Ehrenamt mehr schadet als nützt

Die Kombination Reisen und Helfen klingt für viele Menschen ansprechend. Doch die Auswirkungen dieser Art des Volunteering sollten kritisch betrachtet werden, besonders im Vergleich zu Langzeitprojekten.

© Alexandr Podvalny - Unsplash

Nächstenliebe zu zeigen ist in unserer Gesellschaft wünschenswert. Kein Wunder also, dass ehrenamtliches Engagement beliebter ist als je zuvor. Besonders die Millennials versprechen sich viel davon und gehen während Schulzeit oder Studium ins Ausland um zu helfen. Und das ist doch eine gute Sache, oder? Leider nur zum Teil, denn inzwischen kommt es oft vor, dass Freiwilligenarbeit mehr schadet als nützt.

Voluntourismus: attraktiv, aber schädlich

Der Grundgedanke, für einen kurzen Zeitraum in ein Land zu jetten und helfen zu wollen, ist sicherlich nicht verwerflich. Problematisch wird es jedoch mit dem Voluntourismus, der sich aus den Worten Volunteering und Tourismus zusammensetzt. Hinter diesem Begriff steht inzwischen eine Milliarden-Industrie. Doch was ist das Problem an diesem „ehrenamtlichen Urlaub“? Schlichtweg dass die negativen Aspekte die positiven überwiegen. Zum Beispiel wird vor Ort oft ein Abhängigkeitsverhältnis geschaffen, da die Voluntouristen erwarten, dass die Einheimischen ihre Retter mit größtem Dank belohnen.

Außerdem werden akute Probleme wie Infrastruktur und Ressourcenknappheit selten adressiert. Meist ist der Gewinn für Organisationen und Volunteers größer als für die Einheimischen. Anthropologin Nicole Berg sagt außerdem, dass die eigenen Interessen den meisten wichtiger sind, als der soziale Gedanke hinter dem Projekt. Auch nicht zu vergessen ist, dass viele Schwierigkeiten bereits von lokalen Organisationen behandelt werden. Die Voluntouristen behindern und kopieren deren Arbeit oft.

Reicht der gute Wille allein?

Voluntourismus wird mit den guten Intentionen, die dahinter stecken, gerechtfertigt. Und natürlich gibt es viele gute Organisationen und nicht jeder Helfer tut dies aus reinem Eigennutz. Die durch Voluntourismus geleistete Arbeit wird jedoch oft überschätzt. In Erfahrungsberichten werden die tollen Ergebnisse gelobt, die in Wirklichkeit aber gar nicht so erheblich sind. Meist wird nur eine Eigenwahrnehmung dargestellt, deren Effekt nie belegt wurde. Und ja, auch kleine Schritte können etwas bewirken. Jedoch nicht wenn sie andere Projekte behindern.

Unprofessionalität ist das größte Problem

Die medizinische Anthropologin Noelle Sullivan hat in ihren eigenen Untersuchungen festgestellt, dass  ausgebildete Fachkräfte in Tansania von unterqualifizierten Volunteers ersetzt wurden. Eine erschreckende Beobachtung wenn man bedenkt, dass Schüler bei Geburten und OPs assistieren. Und selbst Personen, die sich in medizinischer Ausbildung befinden, sind kein Ersatz für ausgebildete Ärzte. Fast schon arrogant schätzen manche Helfer ihr Können ein, wie Sullivan im folgenden erklärt:

Many foreign volunteers presume, despite lacking qualifications, that they can ‚do it better‘ than local health professionals, jeopardizing quality of patient care.

Der nigerianisch-amerikanische Autor Teju Cole beschreibt diesen „Weißer-Helfer-Komplex“ kritisch. Oft werden die Probleme anderer Länder vereinfacht dargestellt und mit der eigenen Heimat verglichen. „Wenn wir es hier schaffen, können wir es auch dort schaffen“, lautet die Devise. Die potentiellen Helfer reden sich ein, sie könnten viel erreichen. Jedoch beachten sie systematische Probleme und kulturelle Eigenheiten dabei nicht.

Lokale Projekte unterstützen hilft

Natürlich soll ehrenamtliche Arbeit nicht schlechtgeredet werden. Und wirklich zu helfen ist auch gar nicht so schwer wie es scheint. Besonders Projekte in der eigenen Region sollten unterstützt werden, denn sie erreichen vor Ort am Meisten. Zudem gibt es in anderen Ländern bereits professionelle Hilfsprogramme, die für Veränderungen und Verbesserungen in ihrer Heimat kämpfen. So versucht der Ugander TMS Ruge gegen Voluntourismus vorzugehen. Er will die örtlichen Kommunen ökonomisch unabhängiger zu machen, indem er selbst kleine Firmen gründet. Für ihn sei der Voluntourismus deshalb so schlimm, weil er die Eigeninitiative der Einheimischen bremse.

Solche Projekte gibt es in fast allen Entwicklungsländern. Trotzdem finden sie in unserer Gesellschaft selten Gehör, weil sie den Vorstellungen von Hilfe der Voluntouristen nicht entsprechen. Dabei ist es bewiesen, dass die Einheimischen meist die größten Helfer sind, zum Beispiel nach Naturkatastrophen in Südamerika. Daher ist es wichtig, nach lokalen Projekten zu suchen, anstatt direkt in ein Dritte-Welt-Land zu reisen. Möglichkeiten gibt es zu Hauf, sei es die Betreuung von Kindern oder Senioren, oder nachhaltigkeitsfördernde Projekte.

Langzeitengagement statt Kurztrip

Wie schon erwähnt, ist gerade der Zeitraum der ehrenamtlichen Tätigkeit wichtig. So waren nach dem Hurrikan Katrina in den USA staatliche Fördermittel verspätet. Die Volunteers sprangen ein und haben nicht nur Soforthilfe geleistet, sondern über einen langen Zeitraum den Wiederaufbau in New Orleans unterstützt. Und natürlich brauchen auch lokale Organisationen Unterstützung. Doch anstelle einer kurzweiligen Arbeitskraft, hoffen sie eher auf Spenden und Langzeitengagement.

Often communities do need assistance. But monetary or resource support, or long-term engagement with skilled individuals, is often more helpful than a short-term volunteer whose skills translate poorly in context.

Was also tun, als angehender Volunteer?

Zunächst ist es wichtig, eine gute Organisation zu finden und nicht alles zu glauben, was in Ausschreibungen geschrieben steht. Gerade Waisenhäuser sind oft nicht das, was sie zu sein scheinen. Viele der dort lebenden Kinder sind gar keine Waisen und wurden einzig für die finanzielle Bereicherung dort untergebracht. Also Vorsicht. Am einfachsten ist es Kontakt mit ortsansässigen Organisationen aufzunehmen und zu fragen, wie man helfen kann. Und auch wenn die Kombination aus Reisen und Helfen ansprechend klingt, verzichte darauf ein Voluntourist zu werden. Setze lieber auf Langzeitengagement oder suche nach Projekten in deiner Nähe.

Often the best help isn’t what your own two hands can do for them. Rather, it’s how you can amplify local efforts and voices in the long term.

Über Michelle Winner

Michelle Winner

Nachdem Michelle Winner Erfahrungen in einer Lokalzeitung und im Eventbereich gesammelt hat, unterstützt sie nun seit 2017 die Redaktion und schreibt für das OnlineMarketing.de Karrieremagazin über Themen rund um den Büroalltag.

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