Trend „Microdosing“: Sind die „Genies“ des Silicon Valley alle auf LSD?

Im Silicon Valley macht ein kurioser Trend die Runde: Um der Konkurrenz stets einen Schritt voraus zu sein, wird mit psychedelischen Drogen nachgeholfen.

© Flickr / Waywuwei, CC BY-ND 2.0

Dass der eine oder andere Programmierer nach getaner Arbeit mit einem Joint entspannt oder der gestresste CEO zwischen Meetings, Geschäftsreisen und abstürzenden Aktien nur dank Kokain den Schlafmangel im Zaum hält, sind altbekannte Klischees, die in ausreichend vielen Fällen einen wahren Kern und dadurch ihre Daseinsberechtigung besitzen. Doch wer an psychedelische Drogen denkt, bringt diese in der Regel nicht mit dem Arbeitsleben in Verbindung. Psychedelisch – bedeutet das nicht einen rauschartigen Zustand bis hin zum Realitätsverlust? Und würde nicht jeder Angestellte, der in einer solchen Verfassung seinen Arbeitsplatz aufsucht, sofort gefeuert werden? Normalerweise schon, in Deutschland zumindest, und bei entsprechend hoher Dosierung. Im Silicon Valley herrschen hingegen andere (ungeschriebene) Gesetze. Psychedelische Drogen sollen hier, in den USA, und bei geringer Dosierung, stattdessen Wettbewerbsvorteile gegenüber der Konkurrenz erwirken und werden deshalb von so manchem Mitarbeiter oder Unternehmer sogar gezielt zur Leistungssteigerung eingesetzt. Microdosing nennt sich dieser kuriose Trend. Andere Länder, andere Sitten – oder wie sagt man so schön?

Microdosing im Silicon Valley: Jeder weiß es – jeder macht es?

Die meisten Trends haben ihre Ursprünge ja bekanntlich in den USA und schwappen dann nach einigen Monaten oder Jahren langsam und nicht selten in abgespeckter Version über den großen Ozean nach Deutschland. Ob das beim Microdosing auch passieren wird, bleibt abzuwarten (und nicht zu hoffen). Für uns jedenfalls klingt es noch sehr befremdlich, psychedelische Drogen in geringer Menge zu sich zu nehmen, um im Arbeitsleben innovativer, kreativer und leistungsfähiger zu sein als die Konkurrenz. Dass das im Silicon Valley nicht nur in Einzelfällen, sondern in manchen Unternehmen sogar bereits flächendeckend üblich ist und es im Internet sogar öffentlich zugängliche „Anleitungen zum Microdosing“ gibt, macht vor allem eines deutlich: Microdosing ist in den USA keine Ausnahme. Es ist zum wahren Trend geworden und gesellschaftlich mehr oder minder akzeptiert – zumindest im Silicon Valley.

Spätestens seit dem Start der TV-Serie „Limitless“ macht das Thema nun auch in Deutschland Schlagzeilen. Zwar handelt es sich hierbei nicht um LSD, Pilze & Co, sondern um eine erfundene „Wunderdroge“, die den bis dato erfolglosen Brian Finch in ein „Genie“ verwandelt, doch die Nähe zur Microdosing-Realität ist unverkennbar. Klingt abgedreht? Angesichts des aktuellen Microdosing-Trends vielleicht nicht mehr!

Ein Trend ohne Risiken und Nebenwirkungen?

Produktiver seien die „Microdoser“, kreativer und innovativer – so die Meinung der Anwender. Die Müdigkeit verschwindet, das Gehirn arbeitet auf Hochtouren und es sei kein „Auf und Ab“ wie beim Kaffee – so zitiert die ZEIT einen Studenten mit Microdosing-Erfahrung. Auch Ängste, Depressionen oder Schmerzen sollen durch den geringen Konsum von LSD spürbar gelindert werden, so die Aussage von James Fadiman im Interview mit Motherboard. Zudem macht LSD bekanntlich nicht süchtig und eine Überdosierung mit tödlicher Wirkung ist nur bei Mengen ab 14.000 Mikrogramm möglich – und damit weit entfernt vom Microdosing. Als ungefährliche Leistungssteigerung wird der Trend deshalb schöngeredet. Langzeitstudien zur Wirkung von Microdosing auf das Gehirn stehen allerdings noch aus. Ebenso zu möglichen Wechselwirkungen mit Medikamenten, zum Beispiel Antidepressiva. Und schlussendlich ist die exakte Dosierung von LSD sehr schwierig, wenn nicht sogar unmöglich. Nur ein bisschen zu viel – und schon sehen die Arbeitskollegen plötzlich aus wie tanzende blaue Elefanten. So ganz „ohne Risiken und Nebenwirkungen“ scheint Microdosing eben doch nicht zu sein.

Eignet sich Microdosing also auch für dich und mich?

Wer nicht gerade im Silicon Valley angestellt ist oder über entsprechende Kontakte verfügt, wird nicht ohne weiteres an LSD kommen. Und selbst wenn, müssen wir an dieser Stelle wohl nicht erwähnen, dass das zumindest in Deutschland nicht legal wäre! Viel wichtiger ist aber doch die Erkenntnis: Wenn du kein „Genie“ bist, das an der nächsten Innovation arbeitet, die Facebook und Apple vom Markt verdrängen soll, wofür sollst du dann überhaupt eine Leistungssteigerung nötig haben? Wenn deine „normale“ – und gesunde – Leistungsfähigkeit im Beruf nicht ausreicht, wird es dann nicht eher Zeit für einen Jobwechsel? Wir finden: Microdosing ist nicht nur gefährlich, sondern abseits des Silicon Valley, in welchem ohnehin eigene Regeln zu gelten scheinen, auch absolut unnötig. Wenn du an Depressionen leidest, solltest du lieber einen Arzt aufsuchen. Macht sich die Müdigkeit bemerkbar, trink Kaffee oder noch besser: geh schlafen! Und wenn du trotz allem unbedingt Mittel zur Leistungssteigerung benötigst, gibt es genug legale und ungefährlichere Alternativen auf dem Markt. Solltest du dich dennoch dafür entscheiden, unter psychedelischen Drogen am Arbeitsplatz zu erscheinen, musst du mit einer Kündigung rechnen. Es sind eben doch andere Sitten in anderen Ländern – und das ist auch gut so!

Oder was denkst du? Wird Microdosing bald in Deutschland zum Trend? Und wieso (nicht)? Wir freuen uns auf Erfahrungsberichte, Meinungen oder auch medizinische Beiträge zum Thema in den Kommentaren!

Über Annina Frey

Annina Frey

Karriere & Jobs ist das Department, in welchem Annina Frey sich zuhause fühlt: Work-Life-Balance, Psychologie, Bewerbungen oder auch die Generation Y sind nur einige der Gebiete, mit welchen sich die studierte Medienwirtschaftlerin für die Onlinemarketing.de-Redaktion auseinandersetzt - mit viel Knowhow, wissenschaftlicher Recherche, eloquentem Schreibstil und dem ein oder anderen Augenzwinkern. An spannenden Themen mangelt es der freien Redakteurin jedenfalls nicht.

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