Ein Recht auf Home Office: Politik diskutiert neuen Gesetzesentwurf

Die Arbeit von Zuhause aus steigert die Produktivität und senkt Fehlzeiten. Trotzdem sprechen sich Arbeitgeberverband und Union gegen die Idee der SPD aus.

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Was in den Niederlanden schon durchgesetzt wurde, soll auch bald in Deutschland verabschiedetet werden: Ein Gesetz, welches Arbeitnehmern ein Recht auf Home Office garantiert. So verlangen es zumindest Politiker der SPD, angeführt von Staatssekretär Björn Böhning. Jedoch erhoben sich auch sogleich Gegenstimmen, die in dem Vorhaben unnötige Bürokratie und eine fixe Idee sehen.

Die Grundidee des Gesetztes

Die Welt verändert sich und mit ihr die Bedürfnisse von Arbeitnehmern. Mehr Freiheiten und Flexibilität werden immer öfter gefordert. Um diesen Wünschen nachzukommen, will Böhning ein neues Gesetz einführen. Dabei geht es darum, dass Arbeitgeber grundsätzlich die Arbeit von Zuhause aus erlauben müssen. Sollten sie dies jedoch nicht wollen, muss eine schriftliche Begründung her, welche erklärt, wieso Home Office in diesem Betrieb nicht möglich wäre. Natürlich schließen bestimmte Berufsfelder und Branchen sich automatisch aus, wie zum Beispiel Gastronomie, Einzelhandel und Handwerkliches. Dort ist die Präsenz am Arbeitsplatz unabdingbar. Doch insgesamt sei Heimarbeit in vier von zehn Berufen in Deutschland möglich, wobei aber nur zwölf Prozent aller Arbeitnehmer ihre Arbeitszeit regelmäßig im Home Office verbringen. Das soll geändert werden, weshalb Böhning auch sagt:

Die Digitalisierung verändert die Herrschaftsbeziehungen. Wir müssen sicherstellen, dass die Menschen von den Veränderungen profitieren.

Die Argumente der Gegenseite entspringen veralteten Vorstellungen

Widerstand gegen die Idee gab es vor allem von Seiten der Union. So wird der SPD vorgeworfen, das Ganze sei eher eine Imagekampagne, die die schlechten Wahlergebnisse der Partei wieder aufbessern soll. Manche sprechen gar von Populismus. Von der CDU heißt es, dass Home Office grundsätzlich gut, ein Recht darauf jedoch nicht angebracht wäre und zu übertriebener Bürokratie führe. Zudem sprach Peter Weiß, Sprecher der Unionsfraktion, auch an, dass betriebliche Strukturen zu unterschiedlich seien und es in manchen Branchen nicht umsetzbar sei. Jedoch erscheint dieses Gegenargument eher schwach, denn wie bereits erwähnt, ist es logisch, dass manche Berufsfelder sich automatisch ausschließen.

Der Wunsch nach Home Office stößt bei Arbeitgebern oft auf taube Ohren, was sich auch in der Meinung des Arbeitgeberverbandes widerspiegelt. Laut diesem seien sich viele Chefs bereits bewusst darüber, dass sich Prioritäten und Bedürfnisse ihrer Angestellten ändern, und würden entsprechend auf diese eingehen. Daher würde eine gesetzliche Regelung nur zu Komplikationen und zusätzlicher Arbeit führen. Hauptgeschäftsführer Steffen Kampeter sagt:

Was Arbeitszeit und Arbeitsort angeht, machen sich gerade die Arbeitgeber an allen Stellschrauben stark für mehr Flexibilität. Statt die Wettbewerbsfähigkeit zu steigern, fällt der Bundesregierung jede Woche etwas ein, was genau das Gegenteil erreicht. Politik nach Umfragetiefständen ist Politik gegen die Zukunftsfähigkeit unsere Landes.

Die Vorteile von Home Office überwiegen

Gegner der Idee betonen außerdem, dass einige Studien bereits die Nachteile von Heimarbeit beweisen. Zu diesen zählen längere Arbeitszeiten, Nichteinhalten der gesetzlichen Ruhezeiten, seltenere Beförderungen und die fehlende Trennung von Arbeit und Privatleben trotz des Feierabends. Jedoch liefern die meisten Langzeitstudien ganz andere Ergebnisse. So zeigt eine zweijährige Untersuchung aus Stanford, dass Home Office die Produktivität enorm steigert. Es stimmt, dass die untersuchten  Angestellten zwar länger arbeiteten, dies aber freiwillig taten und keine Nachteile daraus entstanden. Zudem wurden die Arbeitnehmer Zuhause weniger abgelenkt als im Büro. Desweiteren führe Home Office zu sinkenden Fehlzeiten und steigender Pünktlichkeit. Die Ergebnisse solcher Studien sind ein Indikator dafür, dass dem Wunsch nach Home Office nachgegangen werden sollte. Immerhin sehnen sich 40 Prozent der Arbeitnehmer danach.

Die Idee führt den deutschen Arbeitsmarkt weiter in die Moderne

An dieser Stelle sei noch einmal klar gestellt, dass es nicht darum geht, dass Arbeitnehmer ausschließlich im Home Office arbeiten. Viel eher soll ein gesundes Gleichgewicht zwischen Heim- und Büroarbeit geschaffen werden, welches die Isolation Zuhause verhindert, gleichzeitig aber für mehr Flexibilität sorgt. Natürlich sollte nicht pauschalisiert werden, doch häufig sind es ältere Politiker und Arbeitgeber, die sich gegen das Home Office aussprechen. Diese haben sich oft nicht mit Untersuchungen und Konzepten der New Work-Bewegung auseinandergesetzt. Meist haben diese Personen eine veraltete Mentalität inne, in der harte Arbeit über alles geht. Heimarbeit könnte für sie Bequemlichkeit oder gar Faulheit symbolisieren.

Doch dass dem nicht so ist, bewiesen bereits viele Studien. Zudem kann unnötige Bürokratie verhindert werden, indem man bestimmte Branchen von der Erklärungspflicht befreit. Schließlich ist jedem klar, dass beispielsweise Köche und Busfahrer ihre Arbeit schlecht von Zuhause aus erledigen können. Das Gesetz betrifft Berufe, in denen vieles sowieso schon digital abläuft und die keinen Face-to-Face Kontakt mit Kunden voraussetzen. Wie sooft hängt Deutschland anderen Ländern in diesem Bereich hinterher. Daher ist Böhnings Idee durchaus erstrebenswert, auch wenn es einer genaueren Ausarbeitung der Umsetzung bedarf. Und skeptische Chefs könnten sich ja einfach auf ein Experiment einlassen: Genehmigt euren Arbeitnehmern eine bestimmte Anzahl an Tagen, welche im Home Office verbracht werden dürfen. Seht anhand der Ergebnisse dann selbst, ob diese zu einer steigenden oder sinkenden Produktivität führen – vermutlich eher ersteres.

Über Michelle Winner

Michelle Winner

Nachdem Michelle Winner Erfahrungen in einer Lokalzeitung und im Eventbereich gesammelt hat, unterstützt sie nun seit 2017 die Redaktion und schreibt für das OnlineMarketing.de Karrieremagazin über Themen rund um den Büroalltag.

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