Weniger Freizeit, mehr Arbeit: Wie Homeoffice und Gleitzeit Mütter doppelt belasten

Arbeitszeitmodelle wie Gleitzeit oder Homeoffice eröffnen neue Möglichkeiten für angestellte Eltern. Job, Freizeit und Kinder sollen besser miteinander zu vereinbaren sein. Das Potential wird jedoch nicht genutzt.

© Camylla Battani - Unsplash

Moderne Arbeitsmodelle wie Gleitzeit, Homeoffice oder eine komplett selbstbestimmte Einteilung der Arbeitszeit sollen Stress und Belastung durch den Arbeitsalltag reduzieren. Indem sie eine freiere Gestaltung der Freizeit und mehr Zeit für Kinderbetreuung erlauben, erhoffen sich Arbeitgeber eine Steigerung der Lebensqualität und der Produktivität ihrer Angestellten im Beruf.

Die Wissenschaftlerin Yvonne Lott hat untersucht, inwiefern sich Homeoffice und Co. auf die Kinderbetreuung und Freizeit der Beschäftigten auswirken. In der Studie für das Hans-Böckler-Institut zeigt sie erstaunliche Ergebnisse, die stark zwischen Männern und Frauen variieren.

Mehr Freizeit und erhöhte Lebensqualität durch neue Arbeitsmodelle?

Das große Versprechen von flexiblen Arbeitszeiten und der Möglichkeit, im Homeoffice zu arbeiten, ist folgendes: die Belastung durch den Job wird minimiert. Dadurch, dass selbstständig entschieden werden kann, wann man zur Arbeit erscheint, soll Stress reduziert und mehr Freiraum für Freizeit und Kinderbetreuung geschaffen werden. Mitarbeiter können ihre Arbeitszeiten abhängig machen von Faktoren wie geplanten Treffen mit Freunden, Arztterminen oder wann sie ihre Kinder zur Schule bringen. Das sorgt für enspanntere und ausgeruhtere Mitarbeiter, die dadurch im Beruf fokussierter sind und mehr Leistung bringen. Soweit die Hoffnung der Arbeitgeber.

Doch die Realität sieht anders aus. In der kürzlich erhobenen Studie wurde festgestellt, dass eher das Gegenteil der Fall ist. Die Datengrundlage für die Studie bietet das sozio-oekonomische Panel, eine repräsentative Wiederholungsbefragung, die seit über drei Jahrzehnten läuft. Die für die Studie analysierte Gruppe waren abhängig beschäftigte Mütter und Väter im Alter von 18 bis 65 Jahren, die mit mindestens einem minderjährigen Kind zusammenleben.

Sowohl Mütter als auch Väter arbeiten im Homeoffice durchschnittlich mehr. Väter machen wöchentlich zwei Überstunden zusätzlich zu denen, die Väter mit festen Arbeitszeiten im Betrieb schon machen. Mütter im Homeoffice eine. Beide – Männer und Frauen – arbeiten bei flexiblen Arbeitszeiten mehr. Hierbei machen Frauen laut Studie wöchentlich eine knappe Überstunde und Väter etwa 3,5 Überstunden.

Gleitzeit und selbstbestimmte Arbeitszeiten wirken sich bei beiden Geschlechtern negativ auf die Freizeit aus. Obwohl mehr Zeit für Erholung und z.B. Sport wäre, wird diese nicht genutzt.

Väter und Mütter machen bei Homeoffice und flexibler Arbeitszeit mehr Überstunden. © WSI Report Nr. 47, März 2019

Männer kümmern sich bei selbstbestimmten Arbeitszeiten weniger um ihre Kinder

Mütter, die im Homeoffice arbeiten, bringen knapp drei weitere Stunden für Kinderbetreuung auf. Bei Vätern im Homeoffice hingegen ist kein Unterschied in der Zeit, die für Kinderbetreuung aufgewandt wird, erkennbar.

Auch bei flexiblen Arbeitszeitmodellen zeigen sich genderspezifische Unterschiede. Ähnlich wie im Homeoffice bringen Frauen trotz Überstunden zusätzlich Zeit für die Familie auf. Sie kümmern sich anderthalb Stunden die Woche mehr um die Kinder als Mütter mit festen Arbeitszeiten. Ganz anders bei Männern: diese kümmern sich, wenn sie sich ihre Arbeitszeiten selbst einteilen können, sogar eine Stunde weniger um ihre Kinder.

Während Frauen ihre neu gewonnene Flexibilität für die Kinderbetreuung nutzen, kümmern sich Männer durchscnittlich sogar weniger um ihre Kinder. © WSI Report Nr. 47, März 2019

Traditionelle Geschlechterbilder herrschen immer noch vor

Viel Anwesenheit im Betrieb wird meist gleichgesetzt mit Engagement und wirkt sich positiv auf die Karriere aus. Arbeitnehmer, die die Gleitzeit tatsächlich nutzen, um sich auf freizeitliche Aktivitäten oder ihre Kinder zu fokussieren, werden oft als weniger engagiert wahrgenommen. Diese Erwartungshaltung unterscheidet sich jedoch für Männer und Frauen. Während es für Frauen oft als nachvollziehbar angesehen oder sogar erwartet wird, dass sie sich auf die Familie konzentrieren, wird Männern aufgrund der traditionellen Geschlechterbilder, die in vielen Betrieben vorherrschen, immer noch die Rolle des Ernährers zugeschrieben, der die Arbeit priorisieren sollte.

Lott schreibt in ihrer Studie von der Doppelbelastung, die entsteht, wenn von Frauen trotzdem erwartet wird, der idealen Arbeitskraft zu entsprechen. Sie sollen sich bei gesteigerter Erwerbstätigkeit immer noch als gute Mütter beweisen und mehr um die Kinder kümmern. Während die Zeit, die von Männern unter der Woche für Kinderbetreuung aufgebracht wird, unter zehn Stunden liegt, wenden Frauen trotz Zunahme der Arbeitszeit laut der Studie über 20 Stunden die Woche für ihre Kinder auf.

Das Potenzial der neuen Arbeitsmodelle wird nicht genutzt

Zusammenfassend ist zu sagen: Beide Geschlechter machen mehr Überstunden trotz Versprechen von mehr Erholung und weniger Belastung durch den Job. Doch Mütter betreuen zusätzlich zu dem Plus an Arbeit auch die Kinder häufiger, wenn sie die Möglichkeit einer freien Arbeitszeiteinteilung oder Homeoffice haben. Die traditionellen Geschlechterrollen werden so verfestigt.

Lott gibt am Ende ihrer Studie einen Ausblick auf Maßnahmen, wie das Potenzial der Arbeitsmodelle zukünftig besser ausgeschöpft werden kann. So sieht sie zum einen die Verlängerung der Partnermonate bei der Elternzeit und den rechtlichen Anspruch auf Homeoffice als gute Ansätze. Zum anderen müssten die Geschlechterbilder in Betrieben hinterfragt und gegebenenfalls geschwächt werden. Die Präsenzzeit im Betrieb dürfe nicht mit Engagement gleichgesetzt werden und das Konzept Homeoffice brauche einen geregelten Rahmen, um Überstunden zu vermeiden.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.