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Büroalltag
Mansplaining am Arbeitsplatz: Woher kommt es und wie kannst du dich wehren?

Mansplaining am Arbeitsplatz: Woher kommt es und wie kannst du dich wehren?

Michelle Winner | 21.04.20

Männer, die ihre Kolleginnen ungefragt bevormunden, sind kein seltenes Phänomen. Genau deshalb sollten wir ein Bewusstsein für den Begriff Mansplaining entwickeln - und es vermeiden.

Maria sitzt an ihrem Schreibtisch und bereitet das nächste Projekt vor. Ihr Kollege Jörg kommt vorbeigeschlendert, hält an und fragt: „Maria, du kümmerst dich ums Social Media Marketing vom neuen Produkt, richtig?“ Maria schaut auf und nickt nur. Sie weiß genau, was nun kommt. „Ach gut, dann denk dran, dass du dies und jenes beachtest. Und neulich hab ich auch gelesen, dass XY wichtiger ist als YZ.“ Maria nickt erneut und Jörg geht, stolz darauf, mit seinen Ausführungen den Erfolg des Projekts gesichert zu haben. Marias Abschluss im Marketing, ihre jahrelange Berufserfahrung und ihre Erfolge bei den letzten Projekten spielen keine Rolle. Jörg meint, er hätte es ja besser gewusst. Willkommen in der Welt des Mansplaining.

Was genau ist Mansplaining?

Der Begriff Mansplaining setzt sich zusammen aus den englischen Worten „man“ und „explaining“, heißt also quasi Männererklärung. Grob gesagt, geht es darum, dass Männer ungefragt und teilweise herablassend oder bevormundet versuchen, Frauen die Welt zu erklären. Dabei spielt es keine Rolle, dass die Frau das Erklärte selbst oder sogar besser weiß. Auf Dauer führt Mansplaining so zu viel Frust und Antipathie. Selbst die derzeitige Coronakrise mit der Umstellung aufs Home Office ändert daran wenig:


Der Ursprung des Begriffs geht übrigens auf die Amerikanerin Rebecca Solnit zurück. Auf einer Party erzählte ihr ein Mann von einem Buch über Fotografen und bombardierte sie quasi ungefragt mit den Inhalten. Mehrmals versuchte Solnit ihn zu unterbrechen und etwas einzuwerfen – ohne Erfolg. Nachdem der Mann seine „Vorlesung“ zum Thema Fotografie endlich beendete, offenbarte Solnit ihm endlich das, was sie die ganze Zeit über schon zu sagen versucht hatte: Sie ist die Autorin des besagten Buchs und wusste besser als jeder andere, was darin stand. Diese Begegnung legte den Grundstein für ihr nächstes Buch – mit dem Thema Mansplaining.

Wieso wollen Männer die Welt erklären?

An dieser Stelle sei angemerkt, dass nicht jeder gut gemeinte Rat eines Mannes für eine Frau direkt Mansplaining ist. Hierbei geht es vor allem um ungefragte Belehrungen, eine herablassende Ausdrucksweise – beispielsweise mit der Frau wie mit einem Kind zu sprechen – und das ständige ins Wort fallen. Online-Redakteurin und Bloggerin Jessica Wagener bringt es gut auf den Punkt:

Nun ist es natürlich nicht jedesmal Mansplaining im Job, wenn ein Mann einer Frau etwas erklärt – wer Ahnung hat, hat Ahnung. Es ist aber andererseits auch nicht so, dass Männern mit dem Penis auch eine automatische Erklärungsmacht gewachsen ist. Und auch, wenn Ratschläge und Tipps ja durchaus gut gemeint sein können – es ist mindestens extrem unhöflich.

Doch wieso sind es gerade die Männer, die die Frauen an die Hand nehmen wollen? Eine plausible Begründung ist, dass in unserer Kultur Wissen und Männlichkeit Jahrhunderte lang miteinander gekoppelt waren. So erklärt es zumindest die Kulturwissenschaftlerin Claudia Bruns von der Humboldt Universität. Laut ihr ist es außerdem die Geschichte der Frauenabwertung, die eine große Rolle bei dem Phänomen spielt. Denn schließlich ist es geschichtlich betrachtet noch nicht lange her, dass Frauen die Chance auf höhere Bildung verwehrt wurde. Frauen wurden jahrelang Unzulänglichkeiten zugeschrieben und Steine in den Weg gelegt – das bemerkt man auch noch heute. Denn an deutschen Universitäten ist das Beschäftigungsverhältnis von Professoren und Professorinnen mit 80 Prozent zu 20 Prozent mehr als unausgewogen.

Ein Bewusstsein für Mansplaining entwickeln

Abgesehen von geschichtlichen Hintergründen, sei auch die falsche Erziehung eine Ursache für Mansplaining. Bruns erklärt, dass es immer noch so sei, dass Jungen frühzeitig aufgefordert werden zu posen und sich zu beweisen, während Mädchen oft dazu erzogen werden, sich zurückzunehmen und einfühlsam zu sein. Dadurch falle es Frauen auch im Erwachsenenalter oft schwer, Männern zu widersprechen oder sich Gehör zu verschaffen. Gleichzeitig sei angemerkt, dass auch die selbstbewusstesten, erfolgreichsten Power-Frauen nicht von Mansplaining verschont bleiben, auch dann nicht, wenn sie dem Erklärbär zeigen, dass sie keinerlei Belehrungen brauchen. Wichtig ist es daher, dass vor allem Männer ein Bewusstsein für Mansplaining entwickeln – denn teilweise tun sie dies gar nicht mit böser Absicht. Eine Hilfe dafür kann die folgende Grafik sein:

Und dass dieses Bewusstsein für Mansplaining fehlt, zeigt eine Studie des Finanzstartups Self. Im Schnitt werden Frauen im Berufsalltag pro Jahr mehr als 300 mal Opfer von Mansplaining. Das bedeutet mindestens einmal pro Arbeitstag. Die meisten Studienteilnehmerinnen gaben zudem an, dass sie glauben, die Männer seien sich gar nicht darüber bewusst, was sie tun. Es lohnt sich also als Mann, das eigene Verhalten gegenüber Kolleginnen zu reflektieren und sich bewusst zu werden, an welcher Stelle man(n) den falschen Ton angeschlagen hat.

Mansplaining oder kein Mansplaining – ist das die Frage?

Wie bereits erwähnt, ist nicht jeder gut gemeinte Rat gleich Mansplaining. Die oben gezeigte Grafik ist ein gutes Hilfsmittel, um mögliches Falschverhalten zu erkennen. Dennoch sollte der Begriff nicht inflationär verwendet werden. Häufig werden wissenschaftliche Statements oder Berichte von Wissenschaftlern als Mansplaining diskreditiert, nur weil sie von einem Mann stammen. Das ist nicht Sinn der Sache und wirft ein schlechtes Licht auf die Thematik. Wird Mansplaining zu lapidar verwendet, gestaltet es sich schwerer ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, weil der Ausdruck mehr als Provokation oder Beleidigung gesehen wird. Wie auch Wagener in ihrem Artikel schreibt. „Wer Ahnung hat, hat Ahnung“. Und solange diese Ahnung angemessen, sachlich und ohne herablassende Andeutungen oder Seitenhiebe geteilt wird, ist nicht jede Erklärung von Männern sofort Mansplaining.

Trotzdem sollten wir uns bewusst sein, wo Mansplaining stetig auftritt. Besonders junge Frauen sind häufiger betroffen, da ihnen aufgrund des niedrigen Alters weniger Expertise zugetraut wird. Außerdem gern Erklärbär wird in Bereichen gespielt, die als „Männerdomäne“ gelten wie IT und Technik, Management, Handwerk und Naturwissenschaften. Besonders grotesk wird das Mansplaining jedoch dort, wo Männer nun wirklich keinerlei Gebrauchserfahrung haben: Menstruationsprodukten. Ein solcher Fall ging im letzten Jahr viral:

Nachdem im Vereinigten Königreich beschlossen wurde, kostenlose Menstruationsprodukte für Schülerinnen aus einkommensarmen Familien bereitzustellen, regte sich ein Mann – siehe obiger Tweet – darüber auf, dass diese Hygieneartikel doch gar nicht überteuert seien. Die billigsten Marken bekomme man bereits für ein Pfund. Was er jedoch scheinbar nicht weiß: Eben diese billigen Produkte sind oftmals unbequem und unangenehm zu tragen, haben eine schlechte Passform und bieten häufig nicht ausreichend Schutz. Hier haben wir also einen Fall von Mansplaining, der auf Halbwissen und falschen Annahmen basiert und dabei versucht Probleme von Frauen zu degradieren.

Woman explains Mansplaining: Wir können dagegen vorgehen

Maria, die Dame aus unserer Geschichte zu Beginn, hat Jörgs Mansplaining-Attacken inzwischen Einhalt geboten. Zunächst hat sie zum Gegenangriff ausgeholt und hat ihren Kollegen mit Nachfragen zum jeweiligen Thema bombardiert. Jörg geriet schnell an seine Grenzen, denn im Gegensatz zu Maria ist er kein Experte auf dem Gebiet, das er ihr erklären wollte. Und so ließ er sie in Ruhe und der Friede zwischen den Kollegen war wieder hergestellt. Die Taktik von Maria kann auch in deinem Fall funktionieren. Falls der Mansplainer jedoch über die gleiche Expertise wie du verfügt, ist Souveränität gefragt. Teile deinem Gegenüber selbstbewusst und bestimmt mit, dass du seine Erklärungen nicht benötigst – ohne beleidigend zu sein.

Vom schlichten „Danke, das weiß ich alles selbst“ bis zum sarkastischen „No shit, Sherlock“ steht dir eine ganze Bandbreite an Antworten offen. Und an dieser Stelle noch ein letztes Mal der Appell an die männlichen Kollegen: Überlegt euch doch bitte zweimal, ob ihr eurer Kollegin ungefragt Erklärungen zu ihrem Job geben müsst. Und wenn ihr ein ausgeprägtes Helfersyndrom habt, dann fragt doch einfach vorher nach, ob eure Hilfe benötigt wird. So lassen sich unangenehme Situationen ganz simpel vermeiden.

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