Ist der Lebenslauf in Zeiten von KI-basierten Einstellungstest noch relevant?

Vielen Arbeitgebern geht es nicht nur um Erfahrung, sondern den Antrieb eines Bewerbers. Lebensläufe müssen sich diesem Wandel anpassen.

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Den Namen einer bekannten Firma im Lebenslauf stehen zu haben, gilt bei vielen als Garant für bessere Chancen auf eine neue Stelle. Nicht umsonst sind auch Praktika bei Google und Co. so beliebt. Doch wie viel Wert legen Arbeitgeber heutzutage darauf, wo ein Bewerber früher gearbeitet hat? Und sagt das etwas über die Qualifikationen desjenigen aus? Nein, wenn man aktuellen Trends glauben darf.

US-Firmen testen KI-basierte Einstellungstests

Bei Tesla und LinkedIn sind Lebensläufe schon lange nicht mehr ausschlaggebend. Die Qualitäten von Bewerbern wurden lange durch Assessment Center getestet, doch inzwischen gibt es eine einfachere Lösung – die nur 30 Minuten dauert. In einem spielerischen Szenario müssen die Kandidaten Rätsel und andere Aufgaben lösen und dabei ihre Soft Skills unter Beweis stellen. Die Ergebnisse werden mit der Hilfe von Künstlicher Intelligenz ausgewertet und hier kommt der Clou: Anstatt einfach nur zu sehen, welche Punktzahl ein Bewerber erreicht hat, werden dessen Fähigkeiten mit denen der Top-Mitarbeiter des Unternehmens verglichen.

Die Arbeitgeber, die dieses System von Pymetrics nutzen, zielen auf Wachstum hab. Und wie könnte man dies erreichen? Genau, durch das Einstellen von Personen, die genauso gut sind wie die besten Mitarbeiter. Ein Lebenslauf spielt bei diesem System keinerlei Rolle. Und so kann auch jemand mit weniger Erfahrung oder ohne Vergangenheit bei einem großen Unternehmen gute Chancen auf die neue Stelle haben. Sofern er oder sie beim Test überzeugen kann.

Der Ansporn steht über der beruflichen Vergangenheit

Auch andere Unternehmen haben ihre Bewerbungsprozesse verändert. Es zählt nicht mehr, wer am meisten Erfahrung auf dem Papier oder wer an einer Eliteuni studiert hat. Die Arbeitgeber sehnen sich nach Talenten, die einen eigenen Antrieb haben und etwas bewirken wollen. Wieso? Weil diese die Firma und ihre Gewinne nach vorn treiben können. So erklärt Gründer Pat Murray:

It doesn’t matter what someone did before they got here. When we hire, what we’re looking for is that unmistakable mix of drive and talent. […] Someone who’s hungry is someone who’s going to do whatever it takes to excel … and that’s invaluable.

Und auch der Ansporn lässt sich mit Hilfe von KI auswerten. So hat das Unternehmen CSC Generation einen eigenen Algorithmus als Reaktion auf den wandelnden Arbeitsmarkt entworfen. Neben Tests die Kreativität und Umgang mit Herausforderungen überprüfen, gibt es ein Bewerbungsgespräch. Einige der Fragen wirken wie Standards, andere, wie zum Beispiel „Wer hat Ihr Studium bezahlt?“ sind spezieller. Die Antworten des Bewerbers werden in einen KI-basierten Algorithmus eingefügt und ausgewertet. Doch was kann ein Arbeitgeber daraus schließen? Einiges.

Nehmen wir an, der Bewerber antwortet damit, er habe sein Studium selbst finanziert. Dann bedeutet das meist, dass er schon in jungen Jahren lernen musste, Arbeit und Studium zu balanzieren und dabei Deadlines einzuhalten. Die Idee dieser Methode ist gut, jedoch auf dem deutschen Markt etwas problematisch umzusetzen. Private Fragen über Finanzen und Co. sind hier in Bewerbungsgesprächen eher ungern gesehen und werden meist als „Fangfrage“ wahrgenommen, auf die kein Antwort erwartet wird. Doch mit dem richtigen Fragenkatalog, lässt sich das System auch hier umsetzen.

Ist der Lebenslauf also tot?

Nein. In großen US-Konzernen oder Startups mag der Lebenslauf vielleicht an Bedeutung verlieren, doch hier in Deutschland zählt er noch zu den erwünschten Standards. Innovative Einstellungstests werden zwar auch hier immer häufiger zum Talent Fishing genutzt, doch zunächst möchte der Arbeitgeber einen ersten Eindruck vom Bewerber haben. Erst danach erfolgt die Einladung zu Assessment Centers. Genau genommen gehen die Trends hierzulande sogar eher zum Aussterben des Anschreibens. Stattdessen sollen Bewerber auf einen aussagekräftigen Lebenslauf setzen und anschließend im Bewerbungsgespräch überzeugen.

Was sich jedoch auch auf Deutschland anwenden lässt, ist, dass es im Lebenslauf keine große Rolle spielen sollte, wo man gearbeitet hat. Ein Bewerber sollte kurz und knapp aufzeigen, welchen Tätigkeiten er nachgegangen ist und an welchen Projekten er beteiligt war. Daraus kann ein Personaler viel mehr über die Qualifikationen lesen – selbst wenn nur der Name eines kleinen Unternehmens darüber steht.

Über Michelle Winner

Michelle Winner

Nachdem Michelle Winner Erfahrungen in einer Lokalzeitung und im Eventbereich gesammelt hat, unterstützt sie nun seit 2017 die Redaktion und schreibt für das OnlineMarketing.de Karrieremagazin über Themen rund um den Büroalltag.

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