Keine Angst vor der Digitalisierung? Zu viel Optimismus kann fatal enden

Die Digitalisierung bringt viele Veränderungen für unseren Arbeitsalltag. Deshalb müssen Beschäftigte sich bewusst sein, welche Auswirkungen es für ihren Job gibt und wie sie sich dafür wappnen können.

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Siehst du deinen Job durch die Digitalisierung gefährdet? Wenn deine Antwort „Nein“ lautet, dann ist dein gesunder Grundoptimismus nicht verkehrt. Gleichzeitig solltest du aber nicht dem Irrglauben verfallen, es würde in den kommenden Jahren alles beim Alten bleiben. Das ist zumindest die Kernaussage einer aktuellen Forsa-Studie im Auftrag von XING E-Recruiting und der NEW WORK SE. Dabei wurden 3.000 Arbeitnehmer in Deutschland nach ihren Einschätzungen zum Thema Digitalisierung am Arbeitsplatz befragt. Die Ergebnisse geben zu denken.

Zuviel Optimismus ist unangebracht

Generell scheint es so, dass die Arbeitnehmer in Deutschland ihre Angst vor der Digitalisierung verloren haben. 81 Prozent sehen ihren Job in den nächsten fünf Jahren als sicher an. Das ist zunächst ein gutes Zeichen, das Offenheit für Neues zeigt. Gleichzeitig gibt der Grundoptimismus vieler Befragter zu denken. Denn auch wenn wir durch die Digitalisierung nicht Panik verfallen sollten, müssen wir sie doch realistisch betrachten. Aber tatsächlich denken 65 Prozent der Befragten, dass es ihre Tätigkeit so wie heute auch noch in 15 Jahren geben wird. Gerade einmal neun Prozent sind hingegen der Meinung, ihr Job wird ein Opfer der Automatisierung. Wieso ist der Optimismus also unangebracht? Weil ihm eine realistische Einschätzung der Zukunft fehlt. Das erklärt auch CEO und Rechtsanwalt Dr. Ulrich Goldschmidt:

Optimismus ist gut. Solang er nicht in der Form des ‚Es ist noch immer gut gegangen’auftritt und den Menschen in trügerischer Sicherheit wiegt. Optimismus lohnt sich nämlich nur dann, wenn er auch mit einem realistischen Blick in die Zukunft und Verantwortungsbewusstsein einhergeht.

Goldschmidt, der außerdem Vorstandsvorsitzender des Berufverbands für Fach- und Führungskräfte DFK ist, hält die Einstellung einiger Arbeitnehmer für „verwegen“. Und damit liegt er nicht falsch. Denn unser Arbeitsleben befindet sich im ständigen Wandel. So sehr, dass wir kleine Veränderungen nicht einmal mehr bewusst wahrnehmen. Davon auszugehen, dass dein Job in 15 Jahren also noch genauso ist wie heute, ist Wunschdenken.

Die Digitalisierung bleibt eine abstrakte Vorstellung

Dass nur neun Prozent der Befragten glauben, ihr Job könne von einer Maschine oder einem Roboter erledigt werden, zeigt die fehlende Aufklärung in Sachen Digitalisierung. Dabei können wir den Fortschritt schon heute beobachten: Selbstbedienungskassen sind kein seltener Anblick mehr, Drohnen und Roboter werden zur Auslieferung von Paketen getestet und auch selbstfahrende Autos gibt es bereits. Doch die Digitalisierung betrifft nicht nur Kassierer, Postboten oder Fahrer, sondern alle Branchen. So bringt Goldschmidt als Beispiel die Juristen an:

Ähnliches erlebe ich, wenn ich mit juristischen Kollegen darüber diskutiere, ob nicht auch wir irgendwann durch Legal Tech-Anwendungen ersetzt werden könnten. Juristen zeichnen sich bei diesem Thema durch eine ausgeprägte ‚Wir werden immer gebraucht‘-Mentalität aus. […] Legal Tech-Experten wissen schon heute von beeindruckenden Erfolgen auf diesem Gebiet zu berichten. Und die Entwicklungsgeschwindigkeit ist überwältigend. Wer glaubt, das Berufsbild des Juristen sei in fünf Jahren noch genauso wie heute, hat schon verloren.

Eines der größten Probleme ist, dass die Digitalisierung für viele nicht greifbar ist. Sie ist ein abstrakter Begriff, der irgendwas mit Zukunft und Technik zu tun hat. Was das aber für jeden Einzelnen bedeutet, bleibt ein Mysterium. Deshalb ist es wichtig, die Digitalisierung zu entmystifizieren. Heißt, Aufklärungsarbeit in allen Branchen zu leisten und offen über mögliche Aussichten und Veränderungen zu sprechen. Denn nur wenn die Arbeitnehmer eine realistische Vorstellung von der Zukunft haben, können sie sich dafür wappnen.

Schulnote 6 für Deutschland in Sachen Weiterbildung

Am „dafür Wappnen“ scheitert es jedoch schon. Denn das bedeutet, sich bewusst zu werden, dass das eigene Berufsbild vielleicht erhalten bleibt, jedoch mit neuen Tätigkeiten und Aufgaben verbunden ist. So zum Beispiel mit der engen Zusammenarbeit von Mensch und Technik, dem Warten, Überprüfen und Einstellen von Maschinen und KI und vielem anderen. Auf die Veränderung bereitest du dich am besten durch Weiterbildungen vor. Wenn du weißt, was auf dich zukommt, kannst du dich dementsprechend schulen. Doch die Weiterbildungsangebote der Unternehmen in Deutschland sind eher mangelhaft zu bewerten.

Infografik: Ersetzbare Beschäftigte bilden sich seltener fort | Statista

Die Grafik zeigt, dass es besonders in „ersetzbaren“ Jobs zu wenig Weiterbildungen gibt. Grund dafür ist oft auch das fehlende Angebot.

Gerade einmal 24 Prozent der Fach- und Führungskräfte bewerten diese als gut oder sehr gut. 30 Prozent hingegen vergeben die Note mangelhaft oder ungenügend. Experten wie Goldschmidt raten daher zur Eigeninitiative. Arbeitnehmer sollten selbst nach Weiterbildungsangeboten suchen, die sie auf die Zukunft vorbereiten. Mit den gefundenen Ergebnissen kannst du dann natürlich auch an deinen Chef herantreten – mit etwas Glück kann so eine fachlich kompetente Weiterbildung für alle Mitarbeiter stattfinden.

Digitalisierung klappt nur mit Strategie

Die Zukunft einfach auf sich zukommen lassen – diese Rechnung geht nicht auf. Stattdessen braucht es klare Digitalisierungsstrategien von Unternehmen. Jedoch sehen nur 27 Prozent der Fach- und Führungskräfte eben diese in ihrer Firma. 39 Prozent erkennen solche Strategien immerhin in Ansätzen. Um die eigenen Mitarbeiter jedoch auf das zukünftige Arbeitsleben und den zukünftigen Arbeitsmarkt vorzubereiten, bedarf es mehr Einsatz. Arbeitgeber sollten auf Aufklärung und Gleichzeitig auf Weiterbildungen setzen. Denn nur so kann verhindert werden, dass Arbeitnehmer blauäugig in eine Zukunft laufen, auf die sie nicht entsprechend vorbereitet sind. Die große Panik vor der Machtübernahme der Maschinen, aka Digitalisierung, braucht es nicht. Dennoch sollte ein Bewusstsein für die Veränderung geschaffen werden.

Über Michelle Winner

Michelle Winner

Nachdem Michelle Winner Erfahrungen in einer Lokalzeitung und im Eventbereich gesammelt hat, unterstützt sie nun seit 2017 die Redaktion und schreibt für das OnlineMarketing.de Karrieremagazin über Themen rund um den Büroalltag.

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