Kampf gegen Mobbing: Arbeitgeber sind oft ahnungslos und ungeschult

60 Prozent der Deutschen erleben Mobbing im Arbeitsalltag. Gerade die Führungsebenen müssen anfangen sich einzusetzen und effektiv dagegen vorgehen.

© Kristina Tripkovic - Unsplash

Mobbing ist und bleibt ein allgegenwärtiges Thema im Arbeitsleben. Das systematische Ausschließen und Fertigmachen von Kollegen ist in vielen Unternehmen traurige Realität. Wie wir bereits vor Kurzem berichtet haben, wird Mobbing durch das „Anders sein“ ausgelöst. Egal ob Alter, Geschlecht, Körperbau, Herkunft, Religion oder Banalitäten wie Frisur und Kleidung – alles kann als Anlass genommen werden. Und leider vergessen zu viele Menschen, dass mobben nicht nur unter Kindern und Jugendlichen stattfindet. Genau deshalb ist es wichtig, die Problematik immer wieder zu thematisieren. So tat es auch die Firma Viking in einer eigenen Studie. In dieser kam heraus, dass über 60 Prozent der Deutschen Mobbing am Arbeitsplatz erleben.

Männer und Frauen sind gleichermaßen betroffen

Für die Studie befragte Viking in Zusammenarbeit mit OnePoll 1.000 Arbeitnehmer. Natürlich lässt sich bei einer solch relativ niedrigen Zahl über die Repräsentativität der Befragung streiten. Jedoch sollte an dieser Stelle nicht vergessen werden, dass jedes Opfer von Mobbing eines zu viel ist. Die oben genannte Prozentzahl setzt sich zusammen aus denen, die zugaben selbst gemobbt zu werden (24 Prozent) und denen, die Mobbing beobachtet haben (37 Prozent). Einen Unterschied zwischen den Geschlechtern scheint es nicht zu geben. Unter den Frauen sowie den Männern gab jede vierte Person zu, Opfer von Mobbing zu sein. Übrigens wurde als Basis für die Studie folgende Definition des Landesarbeitsgerichts Schleswig-Holstein genutzt:

Der Begriff Mobbing beschreibt eine konfliktbelastete Kommunikation am Arbeitsplatz unter Kollegen oder zwischen Vorgesetzten und Untergebenen, bei der die angegriffene Person unterlegen ist und von einer oder einigen Personen systematisch, oft und während einer längeren Zeit mit dem Ziel und/oder dem Effekt des Ausstoßens aus dem Arbeitsverhältnis direkt oder indirekt angegriffen wird und dies als Diskriminierung empfindet.

Im Gegensatz zum Geschlecht, scheint das Alter eine größere Rolle zu spielen. So sind Millennials im Vergleich zur Generation der Babyboomers doppelt so gefährdet für Mobbing. Grund dafür könnte die starke Zunahme des Cybermobbings sein. Uwe Leest vom Bündnis gegen Cybermobbing erklärt, dass diese 20 bis 25 Jahre alten Angestellten zur „ersten Generation Smartphone“ gehören. Ein großer Teil ihres Lebens finde online statt und Mobbing über digitale Kanäle sei für sie nichts Neues. Vor allem das Mobbingverhalten aus der Schulzeit spiele dabei eine große Rolle. Da dieses damals noch nicht ausreichend reguliert und bestraft wurde, setzen Mobber dieser Generation die Online-Schikane auch im Arbeitsleben fort. So sind Millennials oft Opfer, aber leider auch Täter.

Die Täter werden nicht genügend sanktioniert

Mobbing am Arbeitsplatz wird oft unzureichend verfolgt. Entweder trauen die Betroffenen selbst sich nicht, etwas zu sagen, oder die Problematik wird von der Führungsebene nicht für voll genommen. Letzteren Eindruck bestätigen auch 30 Prozent der Befragten. Vor allem fehlt es oftmals an Beweisen, was auch ein rechtliches Vorgehen gegen Mobber fast unmöglich macht. Insgesamt glaubt über die Hälfte der für die Studie Befragten, dass Mitarbeiter in ihrem Unternehmen mit Mobbing durchkommen würden. Erschreckend ist, dass auch 30 Prozent der Arbeitgeber diese Auffassung teilen. Uwe Leest hat eine ganz eigene Meinung zum Thema Arbeitgeberverantwortung:

Eine Erklärung könnte sein, dass viele Arbeitgeber das Thema Mobbing nicht mit Ihrem Unternehmen in Verbindung bringen möchten, da sie der Meinung sind, dass ein solches Problem unter ihrer Führung nicht existiert. Arbeitgeber schauen somit gezielt weg oder reihen sich im schlimmsten Fall noch mit in das Verhalten ein, um das Opfer schneller aus dem Unternehmen zu bekommen.

Insgesamt glauben nur 25 Prozent der Mitarbeiter, dass ihr Vorgesetzter fähig wäre, Mobbing zu erkennen und dagegen vorzugehen. Die Manager selbst haben ebenfalls wenig Vertrauen in die eigene Kompetenz. Nur jede sechste Person in einer Führungsposition glaubt, sie könne Anzeichen von Mobbing erkennen. Und obwohl 27 Prozent der Arbeitgeber Angebote zur Weiterbildung in eben dieser Problematik erhalten haben, scheinen die meisten diese nicht angenommen zu haben.

Diese Grafik entstand im Rahmen der Studie in Zusammenarbeit mit einem Künstler und soll Mobbing verbildlichen. Quelle: Viking

Wo Vorgesetzte versagen, kann die Personalabteilung helfen

Zumindest die Personaler scheinen an die eigenen Fähigkeiten zu glauben. 50 Prozent von ihnen sagen aus, dass sie Mobbing verhindern könnten, bevor es überhaupt auftritt. Inwieweit diese Einschätzung der Realität entspricht, bleibt jedoch fraglich. Um Mobbing in Zukunft zu verhindern, wünschen sich 30 Prozent der Millennials mehr Einsatz von ihren Vorgesetzten. Die Anzeichen sollen schneller erkannt und Betroffenen mehr geholfen werden. Die Babyboomers hingegen wollen den Kampf gegen Mobbing selbst in die Hand nehmen. 40 Prozent von ihnen wünschen sich Weiterbildungsmöglichkeiten, die Hilfe im Umgang mit Mobbing bieten. Doch was hilft wirklich gegen Mobbing am Arbeitsplatz? Experte Leest empfiehlt Konkurrenzkampf und starre Hierarchien einzudämmen, da diese Mobbing fördern würden:

Allein eine Sensibilisierung mittels einer innerbetrieblichen Aufklärung und Informationen zu dieser Problematik sind wichtige Schritte hin zu einem konfliktfreien Betrieb. Eine weitaus höhere Wirkung hat die Etablierung institutioneller Strukturen wie z.B. eine Anlaufstelle mit geschulten Mitarbeitern für Mobbingvorfälle, schriftlich kodifizierte Leitlinien zum Umgang mit Konflikten und die Einsetzung von ausgebildeten Konfliktlotsen.

Der Kampf gegen Mobbing muss also im Unternehmen selbst beginnen. Dafür müssen Ansprechstellen geschaffen und die Betroffenen dazu ermutigt werden, ihre Erlebnisse zu teilen. Außerdem sollten auch die stillen Beobachter von Schikane am Arbeitsplatz eingreifen und sich für ihre Kollegen stark machen. Vor allem aber, sollten die Probleme der Opfer ernst genommen werden. Sie als „zu sensibel“ abzustempeln und allein zu lassen, kann ungeahnte Auswirkungen haben. Nicht selten kommt es schließlich vor, dass Menschen an den psychischen Belastungen durch Mobbing zu Grunde gehen.


Du bist nicht allein

Wie im letzten Artikel zum Thema Mobbing am Arbeitsplatz, möchten wir auch hier auf Hilfsangebote für Betroffene eingehen. Wenn auch du das Gefühl hast am Arbeitsplatz unterzugehen und der Schikane anderer ausgesetzt zu sein, kannst du dir auf verschiedenen Wegen Hilfe holen:

Bündnis gegen Cybermobbing: Auswahl an Hotlines
https://www.buendnis-gegen-cybermobbing.de/links/hilfe-hotlines.html

Bürgerinitiative Pro Fairness gegen Mobbing: Liste Beratungszentren Deutschlandweit
http://www.mobbing-web.de/links/mobbing-web-verzeichnis.php

Das Hilfetelefon: Spezialisiert auf Frauen die Gewalt und Mobbing erfahren
https://www.hilfetelefon.de/

Hab keine Angst davor, dass dein Problem zu unbedeutend sei oder man dich nicht ernst nehmen würde. All diese Hilfsangebote nehmen Mobbing als das wahr, was es ist: Ein soziales Problem, dem man etwas entgegen setzen muss.

Über Michelle Winner

Michelle Winner

Nachdem Michelle Winner Erfahrungen in einer Lokalzeitung und im Eventbereich gesammelt hat, unterstützt sie nun seit 2017 die Redaktion und schreibt für das OnlineMarketing.de Karrieremagazin über Themen rund um den Büroalltag.

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