Erfolg durch Attraktivität – Der Halo-Effekt im Joballtag

Unbewusst verzerrt das Gehirn unsere Wirklichkeit und begünstigt Schubladendenken. Gerade im Beruf kann dieser Effekt zur Benachteiligung führen.

© Ravi Roshan - Unsplash

Immer wieder versuchen wir, objektiv und frei von Vorurteilen zu sein – egal ob gegenüber Fremden, im Job oder bei Bewertungen. Nur leider klappt das meist nicht so gut, beziehungsweise gar nicht. Unser Gehirn kann nicht komplett objektiv agieren und wir somit auch nicht. Schnell kommt es so zu Wirklichkeitsverzerrungen oder Pauschalisierungen. Zu verdanken haben wir das dem Halo-Effekt. Was das ist und wieso dieser gerade im Berufsalltag ein Problem für uns wird, wollen wir euch erklären.

Was ist der Halo-Effekt?

Der Name Halo-Effekt kann im deutschen auch als Heiligenschein-Effekt übersetzt werden. Ebenso trifft man auf die Begriffe Lichthof-Effekt oder Hof-Effekt. Die Übersetzung hilft bereits beim Verstehen des Phänomens – es handelt sich hierbei um eine Wirklichkeitsverzerrung. Wir sind geblendet von einem Heiligenschein, also einer positiven Assoziation, der über einer Person zu schweben scheint. Dieser Heiligenschein entsteht dadurch, dass unser Gehirn unterbewusst von einer positiven Eigenschaft auf alle anderen schließt. Diese Assoziation ist so stark, dass Defizite einfach übersehen werden.

Der Halo-Effekt ist einer der häufigsten Streiche, den unsere Psyche uns spielt. Das Problem dabei ist, dass Merkmale oder Eigenschaften, die eigentlich mehr über die Person aussagen, in den Hintergrund geraten. Teilweise werden wir regelrecht blind für negative Aspekte und beschönigen unsere Realität. Der Effekt sorgt also dafür, dass die Objektivität schnell schwindet.

Physische Attraktivität als häufigster Auslöser des Effekts

Schönheit liegt im Auge des Betrachters. Findet der Betrachter aber jemanden physisch eher attraktiv, kann derjenige schnell anfällig für den Halo-Effekt sein. In unseren Augen schöne Personen werden oft als kompetenter, intelligenter, sympathischer, zufriedener und erfolgreicher eingeschätzt. Das stellte schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts Psychologe Edward Lee Thorndike fest. Dieser erforschte zur Zeit des Ersten Weltkriegs die Wirklichkeitsverzerrung und lies Soldaten von ihren Offizieren nach Kategorien beurteilen. Hierbei stellte er fest, dass als attraktiv geltende Soldaten durchweg bessere Bewertungen erhielten als weniger attraktive. Noch faszinierender – die Offiziere bewerteten auch Kategorien wie die Musikalität, die nichts mit den Aufgaben eines Soldaten zu tun hatten, als positiv. Attraktiven Menschen werden demnach mehr Kompetenzen zugeschrieben. Die Schlussfolgerung lautet also:

Wenn ein positives Persönlichkeitsmerkmal wie Attraktivität oder Humor besonders hervorsticht, überstrahlt es alle anderen Stärken sowie Schwächen und führt zu einer Wirklichkeitsverzerrung.

Auch wenn der Effekt unterbewusst geschieht, hat er Folgen. So werden attraktivere Menschen nicht nur als erfolgreicher eingeschätzt, sondern sind es oft auch. Als „Schönheitsprämie“ ist dieses Problem Thema vieler Debatten. Natürlich darf hier aber auch nicht pauschalisiert werden, denn wie immer gibt es auch Ausnahmen. Hinzu kommt, dass es auch andere Assoziationen durch den Halo-Effekt gibt, wie zum Beispiel, dass Brillenträger intelligenter sind oder dickere Menschen als lustig gelten.

Das Problem Halo-Effekt im Arbeitsalltag

Der Halo-Effekt klingt vielleicht im ersten Moment harmlos und ihr denkt euch: So stark sind die Auswirkungen doch sicher nicht. Doch leider kann er gerade im Berufsalltag zur Hürde werden. Hier nur ein paar der Folgen aufgezählt:

  • Subjektive Beurteilung der Leistung
  • Beförderungen, die nicht auf der Arbeitsleistung basieren, beziehungsweise ausbleibende Beförderungen
  • Konflikte durch Vorurteile
  • Förderung von Vorurteilen
  • Häufige Absagen bei der Jobsuche

Für Unternehmen kann der Halo-Effekt sogar zu einer hohen Fluktuationsrate und höheren Personalkosten führen. Es ist also nicht von der Hand zu weisen, dass dieses Phänomen negativen Einfluss auf dein (Arbeits-)Leben haben kann – aber nicht muss. Es gibt tatsächlich einen kleinen Hoffnungsschimmer: Die Ausprägung des Halo-Effekts lässt mit dem Alter nach. Während Kinder also besonders anfällig sind, lässt der Effekt bei Erwachsenen nach – eben weil sie beginnen, Vorurteile zu reflektieren und versuchen, Urteile so objektiv wie möglich zu fällen. Letzteres bleibt jedoch eine große Herausforderung.

Wieso kommt es zum Halo-Effekt?

Diese Frage ist relativ einfach zu beantworten. Ziel unseres Gehirns ist es, die Masse an Informationen, die sekündlich auf uns einprasseln, zu reduzieren. Quasi, damit unsere Festplatte nicht crasht. Zur Reduktion der Komplexität hat unser Kopf eine einfache, aber auch problematische Lösungsmethode entwickelt: Das Schubladendenken. Bei sozialen Interaktionen heißt das, dass wir Personen nach bestimmten Kategorien einordnen und anhand weniger Merkmale auf deren gesamte Persönlichkeit schließen. Es entstehen Stereotypen. Dieser Vorgang passiert unbewusst und automatisch. Und jedem ist es schon passiert, da kann sich keiner aus der Affäre ziehen, was auch gar nicht schlimm ist. Manchmal können wir nichts für das, was unser Gehirn tut.

So geht man gegen den Halo-Effekt vor

Doch nur weil es unterbewusst geschieht, heißt das nicht, dass wir nichts dagegen tun können. Mit Selbstreflexion und -disziplin können wir den Effekt eindämmen, umgehen oder sogar nutzen. So funktioniert’s:

  • Überprüft Überzeugungen: Geht in euch und hinterfragt eure Überzeugungen. Attraktivität oder Gemeinsamkeiten, wie der gleiche Fußballverein, sind kein Garant dafür, dass ein Kollege vertrauenswürdig oder leistungsstark ist. Übt Objektivität.
  • Achtet aufs eigene Auftreten: Macht euch den Halo-Effekt zu Nutze, indem ihr beispielsweise im Jobinterview auf Kleidung, Frisur und gegebenenfalls Make-Up achtet. Schindet so Eindruck beim potenziellen Arbeitgeber. Ebenso kannst du mit Humor, Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit den Halo-Effekt auslösen.
  • Lasst euch nicht blenden: Wenn ihr wichtige Entscheidungen treffen müsst, beispielsweise wem ihr ein Projekt anvertraut oder wen ihr einstellt, blendet das Aussehen der Person aus und versucht euch auf Leistungen und Qualifikation zu konzentrieren. Stellt eine Pro-und-Kontra-Liste auf.
  • Werdet euch über den Effekt bewusst: Wer den Halo-Effekt kennt, kann leichter dagegen vorgehen. Wenn wir uns über die Entstehung und Folgen bewusst werden, können wir einfacher reflektieren und verhindern, Entscheidungen darauf basierend zu treffen.

Es ist nicht einfach, gegen die durch den Halo-Effekt ausgelösten Vorurteile und das Schubladendenken vorzugehen. Und uns werden immer wieder solche Fehler unterlaufen. Doch mit ein bisschen Bewusstsein und Mühe, können wir die Folgen eindämmen.

Über Michelle Winner

Michelle Winner

Nachdem Michelle Winner Erfahrungen in einer Lokalzeitung und im Eventbereich gesammelt hat, unterstützt sie nun seit 2017 die Redaktion und schreibt für das OnlineMarketing.de Karrieremagazin über Themen rund um den Büroalltag.

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