Gamification in der Arbeitswelt – wie Amazon seine Lagerarbeiter motivieren will

Das Erfolgsmodell von Amazon ist darauf ausgerichtet, möglichst schnell und preiswert bestellte Waren in die Haushalte zu bringen. Um den anstrengenden und monotonen Job der Lagerarbeiter interessanter zu machen, hat sich Amazon jetzt etwas einfallen lassen.

© Hello I'm Nik - unsplash

Ein abwechslungsreicher Job in einem dynamisch wachsenden, internationalen Unternehmen? Die Wenigsten würden sich darunter vorstellen bei Amazon die Waren zusammenzusuchen. Sogenannte Picker haben die Aufgabe, in den riesigen Logistikzentren möglichst schnell die Bestellungen zusammenzutragen, die dann versandt werden. In der Vergangenheit war viel über die harten Arbeitsbedingungen in den Lagern geschrieben worden, es wurde sogar berichtet, dass Arbeiter in Flaschen pinkeln würden, weil die Zeit für den Toilettengang fehle. Das soll in Amazons Versandzentren in Großbritannien vorgekommen sein. Aber auch in Deutschland berichten Mitarbeiter von einem hohen Maß an Überwachung und minutiöser Kontrolle, unter der viele leiden. Das zeigte sich auch in den Streiks der Amazon-Mitarbeiter, zu denen die Gewerksschaft ver.di zuletzt im Mai 2019 aufgerufen hatte. Neben höheren Löhnen waren verbesserte Arbeitsbedingungen in den Lagern eine zentrale Forderung.

Ein freier Tag für einen positiven Tweet

Um der negativen internalen Berichterstattung etwas entgegenzusetzen, hatte Amazon einzelne Mitarbeiter mittels Incentives angeregt, sich auf Twitter positiv über ihren Job zu äußern. Angestellte, die Lobendes über die Arbeit als Lagerarbeiter getwittert hatten, bekamen laut einem ehemaligen Mitarbeiter einen Gutschein in Höhe von 50 US-Dollar sowie einen freien Arbeitstag geschenkt. Die Tweets wurden als Reaktion auf Twitter-Mitteilungen gepostet, welche die Arbeitsbedingungen bei Amazon kritisiert hatten.

Und das alles von der Amazon Public Relations orchestriert: Die 14 Twitter-Konten, von denen gepostet wurde, wurden alle zeitgleich angelegt wurden und tragen das gleiche Logo. Experten zeigen sich überrascht, dass Amazon einfachen Lagerarbeitern gestattet, sich in ihrem Namen in den sozialen Medien zu äußern. Es sei naheliegend, dass die Tweets von Mitarbeitern stammen, die früher in den Lagern gearbeitet hätten und aktuell zum Beispiel im Bereich Human Resources eingesetzt werden. Gegenüber US-Medien hatte Amazon bestätigt, dass Mitarbeiter gezielt ausgewählt wurden, um sich via Social Media zu äußern. 

Credits sammeln wie im Video Game

Damit die Lagerarbeiter in Zukunft noch schneller arbeiten, mehr Spaß bei der Arbeit und weniger Grund zur Klage haben, testet Amazon ein neues Modell aus. Dabei handelt es sich um ein Anreizprogramm, in dem sich Lagerarbeiter wie in einem Videospiel fühlen sollen. Spiele in 8-Bit-Optik mit Namen wie „CastleCrafter“, „PicksInSpace“ oder „MissionRacer“ zeigen dem Arbeiter seinen Arbeitsfortschritt an. Die Lagerarbeiter entscheiden selbst, ob sie mitmachen möchten. Teilnehmer können ihren Output mit dem der anderen vergleichen, auch auf Gruppenebene werden Rankings gebildet. Die Gewinner erhalten „Swag Bucks“, die gegen Amazon-Waren eingetauscht werden können. In fünf US-Lagerhäusern laufe das Pilotprojekt, die Teilnahme sei aber völlig unabhängig von Leistungsbewertung und Verdienst. Und Geschwindigkeit wird noch wichtiger werden, wenn Amazon seine Versandgarantie in den USA von aktuell 2 Tagen auf einen Tag verkürzen will. 

Selbst einmal Lagerarbeiter sein: ABC News gewährt Einblicke in die Realität

Wer sich einen Einblick vom Alltag als Picker verschaffen will, kann bei „The Amazon Race“ spielerisch in die Haut eines Lagerarbeiters schlüpfen. Das von ABC News Story Lab entwickelte Game basiert auf den Erfahrungen australischer Lagerarbeiter. Neben der laufenden Uhr und der „Amazon Pace“, der durchschnittlichen Zeit, die du brauchst, um die Waren einzusammeln, lernst du auch, dass du als Lagerarbeiter wenig verdienst und keine Zeit hast, zwischendurch mal deinen Kollegen zu helfen. Am besten trinkst du auch zwischendurch nichts, denn Toilettenzeiten verschlechtern deine „Pace“.

Bei ABCs „The Amazon Race“ können die Spieler die harte Arbeit eines Amazon-Lagerarbeiters nachempfinden.

Anhand des Trackers, mit dem du die Waren abscannst, ist permanent nachvollziehbar, wo du bist und wie lange du dich irgendwo aufhältst. Und wenn du nicht schnell genug warst, kann es gut sein, dass du am nächsten Tag nicht wieder zu kommen brauchst. Per SMS wird auch gerne mal kurzfristig gekündigt, die temporären Mini-Jobs machen es möglich, zumindest in Melbourne.

Amazon selbst hatte das Spiel als „absichtlich sensationell“ kritisiert und betont immer wieder, sie seien stolz auf seine „großartigen Arbeitsbedingungen, Bezahlung und Benefits sowie Karrieremöglichkeiten“.

Über Johanna Hoffmann

Johanna Hoffmann

Johanna Hoffmann ist Soziologin und untersuchte viele Jahre als Marktforscherin in einer internationalen Medienagentur den Erfolg von Werbekampagnen. Sie interessiert sich insbesondere für das, was Menschen antreibt und schreibt seit März als Autorin für OnlineMarketing.de.

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