Frauen fragen nicht nach mehr Gehalt: Ein Vorurteil der Gesellschaft

Selbst in der Wissenschaft hielt sich diese Annahme lange. Frauen wurde so eine Teilschuld an der Gender Pay Gap zugeschoben. Doch Studien belegen nun das Gegenteil.

© Tim Mossholder - Unsplash

Am 8. März war der Weltfrauentag, welchen die Stadt Berlin sogar als Feiertag festlegte. Im Rahmen dessen wurde auf Diskriminierung von Frauen, Misogynie und auch die Gender Pay Gap aufmerksam gemacht. Wie zu erwarten, entstanden unter vielen Social Media Posts zum Thema Weltfrauentag hitzige Diskussionen, ob bestimmte Zahlen oder Zustände wirklich so zutreffen würden. Ein Argument wird hartnäckig vertreten: Frauen würden es sich selbst aussuchen, in Teilzeit zu arbeiten und fragen seltener nach Gehaltserhöhungen als Männer. Warum diese Argumentation jedoch eher haltlos ist und auf Stereotypen basiert, erklären wir euch im Folgenden.

Frauen fragen nicht nach Gehaltserhöhungen

Erschreckenderweise hält sich nicht nur in den sozialen Medien, sondern auch in der Wissenschaft die Annahme, dass Frauen nicht nach mehr Gehalt fragen würden. Dies wird so begründet, dass sich Frauen durch bestimmte „feminine Charakterzüge“ einfach nicht trauen würden. Beziehungsweise nicht gut verhandeln könnten. Diese Aussagen basieren auf Stereotypen und sind pauschalisiert. Trotzdem wiederholen sie sich sowohl in wissenschaftlichen Abhandlungen als auch in den Köpfen der Gesellschaft. Im Jahr 2003 brachte Wirtschaftsprofessorin Linda Babcock ihr einflussreiches und viel zitiertes Buch „Women don’t ask“ heraus. In diesem bekräftigt auch sie die Annahme, dass Frauen seltener über ihr Gehalt verhandeln würden. Dies begründet sie jedoch nicht mit weiblichen Stereotypen, sondern sozialen Einflüssen. Frauen hätten dieses Verhalten durch ihre Umwelteinflüsse suggeriert bekommen.

Aktuelle Studien widerlegen altbekannte Annahmen

2017 entstand in Zusammenarbeit dreier Universitäten eine Untersuchung mit dem Titel „Do Women Ask?“. Diese sollte eigentlich die oben beschriebenen Aussagen bekräftigten, jedoch merkten die Wissenschaftler schnell, dass es anders war. Tatsächlich würden Frauen und Männer gleich oft nach Gehaltserhöhungen fragen. Ähnliches zeigt auch eine aktuelle McKinsey-Studie mit 64.000 Teilnehmern. Laut dieser verhandeln Frauen sogar ein bisschen öfter als Männer über ihr Gehalt. Das besondere an diesen Studien ist, dass nicht mehr Äpfel und Birnen verglichen werden. Ältere Untersuchungen bezogen auch Berufsfelder mit ein, in denen Gehaltsverhandlungen meist nicht möglich sind, wie beispielsweise Teilzeit- oder Niedriglohntätigkeiten. Letztere werden häufiger von Frauen als von Männern ausgeübt und verfälschten damit auch die Studienergebnisse. Die aktuellen Untersuchungen hingegen beziehen sich auf vergleichbare Jobs, Positionen und Branchen.

Doch auch wenn Frauen tatsächlich nach mehr Gehalt fragen, stellten die Studien fest, dass diese Nachfrage meist abgelehnt wird. Dennoch sind die Ergebnisse als Erfolg zu betrachten, denn sie entkräften das stereotypische Bild der „schüchternen“, nicht verhandlungsfähigen Frau. Zudem werfen sie soziale Fragen auf. Arbeitgeber können sich nicht mehr hinter der Annahme verstecken, dass Frauen ja gar nicht nach mehr Gehalt fragen würden. Stattdessen müssen diese nun neue Erklärungen für eine Gender Pay Gap in ihrem Unternehmen finden. Es lässt sich nicht mehr pauschal sagen: „Frauen sind selbst verantwortlich für ihr niedrigeres Einkommen“.

Die Debatte bleibt, Argumente werden jedoch entkräftet

[…]I prefer to see it this way: It’s important to keep asking. Essential, even. The more we do it, the more opportunities we give employers to say yes, to notice pay discrepancies amongst their workers, and to grapple with their own biases. It will also help put this “women don’t ask” excuse to bed. Women are asking. It’s high time we were heard.

So beschreibt Autorin Otegha Uwagba die Situation in ihrem Artikel zu dem Thema. Und damit spricht sie einen wichtigen Punkt an. Auch wenn Frauen Steine in den Weg gelegt werden, was das Thema Gehaltserhöhung angeht, sollten sie niemals aufhören zu fragen. Denn genau dadurch wird eben dieses Vorurteil widerlegt, ebenso wie durch die Ergebnisse der aktuellsten Studien. Die Argumente der „Pay-Gap-Zweifler“ können entkräftet werden und dabei wird gleichzeitig der Fokus auf soziale Problemstellungen in der Arbeitswelt gelegt. Wie schon sooft erwähnt, ist die Schließung der Gender Pay Gap Zukunftsmusik. Doch kleine Schritte und Tatsachen wie diese bringen unsere Gesellschaft dem Ziel näher.

Über Michelle Winner

Michelle Winner

Nachdem Michelle Winner Erfahrungen in einer Lokalzeitung und im Eventbereich gesammelt hat, unterstützt sie nun seit 2017 die Redaktion und schreibt für das OnlineMarketing.de Karrieremagazin über Themen rund um den Büroalltag.

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