Flache Hierarchien – Wieso wir uns ein Beispiel an Dänemark nehmen sollten

34 Arbeitsstunden in der Woche und ein lockeres Verhältnis zwischen Chef und Angestellten – So wurden die Dänen zu den zufriedensten Menschen der Welt.

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Geht es um Themen wie Arbeitszufriedenheit, beste Lebensqualität und Gleichberechtigung, liegen meist skandinavische Länder in Rankings ganz vorn. Besonders das kleine Dänemark sticht immer wieder hervor. Doch wieso ist das so? Genau diese Frage versucht Jonas Gyalokay als CEO eines ursprünglich dänischen Unternehmens zu beantworten.

Was macht Dänemark anders

Nicht grundlos  standen die Dänen drei Mal in Folge auf Platz 1 des World Happiness Reports (Platz 3 in diesem Jahr). Die dänische Arbeitseinstellung unterscheidet sich erheblich von der typisch deutschen – eher konservativen – Mentalität, bei welcher die Arbeit oft über allem anderen steht. So beträgt die Arbeitswoche in Dänemark durchschnittlich 34 Stunden, was sie zur kürzesten in Europa macht. Es soll eine ausgewogene Work-Life-Balance erreicht werden, was auch Gyalokay bestätigt. Diese sei, laut ihm, unabdingbar um in Dänemark Erfolg zu haben. Überstunden sind verpönt und als schlechtes Zeitmanagement abgestempelt und die Arbeitgeber möchten es lieber sehen, dass ihre Angestellten Zeit für die Familie, Hobbies oder soziales Engagement haben.

Zudem herrschen in den Unternehmen selbst eher flache Hierarchien. Gyalokay erzählt, dass Mitarbeiter und Chef einander beim Vornamen nennen und im offenen Dialog miteinander stehen. So fördern die Manager die Eigeninitiative ihrer Angestellten, sind offener für Kritik und Vorschläge und sorgen für ein angenehmes Arbeitsklima. Gyalokay begründet diese Mentalität mit dem fortschrittlichen Sozialismus, der in Dänemarks Wurzeln steckt.

Die Vorteile flacher Hierarchien und Strukturen

Ein auf sechs Stunden verkürzter Arbeitstag steigert nachweislich die Produktivität der Mitarbeiter. Natürlich könnte man zunächst denken, weniger Zeit bedeutet gleich weniger Leistung. Doch mal Hand aufs Herz, wer von euch arbeitet acht Stunden am Stück konzentriert durch? Genau, niemand. Der Irrglaube, mehr Arbeitszeit bringe mehr Produktivität, stammt noch aus Zeiten der Industriellen Revolution. Heute ist es so, dass Chefs durch verkürzte Arbeitszeiten die Motivation und Leistung der Mitarbeiter steigern. Diese haben mehr Zeit für Freizeitaktivitäten und Familie und erledigen ihre Arbeit dafür umso gewissenhafter und schneller. Schließlich will man pünktlich zum Feierabend auch alles fertig haben.

Doch auch das Selbstwertgefühl der Mitarbeiter spielt eine große Rolle in Dänemark. Dieses wird durch flache Hierarchien gefördert. Egal welche Position ein Angestellter hat, er darf seine Meinung äußern und Ideen beitragen – was automatisch die Kreativität fördert. Zudem entsteht auch nicht das typische Druck- oder Angstgefühl, dass viele mit ihrem Chef in Verbindung bringen. Der Manager leitet zwar das Unternehmen, ist aber trotzdem Teil der Mitarbeiterkultur. Transparenz spielt an dieser Stelle eine wichtige Rolle. Gleichzeitig bedeutet flache Hierarchie nicht Regellosigkeit. So erklärt Gyalokay:

With the right amount of rules, the work environment will feel like a safe place to share your thoughts and a guiding hand when or if things get shaky.

Die Nachteile flacher Hierarchien und Strukturen

Eine Problematik des lockeren Umgangs am Arbeitsplatz ist, dass der Schein manchmal trügt. So gibt es Arbeitgeber, die scheinbar flache Hierarchien etablieren, um nach außen hin das Image des Unternehmens aufzubessern. Tatsächlich herrschen intern aber noch die alten Strukturen in ihren Ansätzen vor. Zudem kommt oft hervor, dass der Chef zwar eine flache Hierarchie anpreist, aber nicht weiß, wie diese umzusetzen ist. Und so kommt es dazu, dass die Managementebene sich weiterhin autoritär verhält und die Mitarbeiter unsicher darüber sind, wann sie ihre Gedanken äußern dürfen und wann nicht.

Ein weiteres Problem könnte komplette Unstrukturiertheit sein. Nimmt ein Arbeitgeber das Prinzip zu locker, kann das schnell im Chaos enden und dementsprechend die Produktivität senken. Und auch den Mitarbeitern fällt der lockere Umgang am Arbeitsplatz nicht immer leicht. Gerade in Ländern wie Deutschland, in welchen eine eher konservative Arbeitsmentalität vorherrscht, kann die Etablierung flacher Hierarchien problematisch sein. Einige Angestellte bevorzugen es beim förmlichen „Sie“ zu bleiben und möchten die Verhältnisse zu Kollegen professionell halten. Und ebenfalls die Einstellung, dass man auch mit weniger als acht Arbeitsstunden einen produktiven Arbeitstag hatte, verstehen einige nicht. Das Gefühl, nach der Arbeit erschöpft und ausgelaugt zu sein, ist für viele ein Indikator dafür, dass sie etwas geleistet haben.

Trotzdem sollte ein Umdenken stattfinden

Doch ist es nicht schöner täglich einen Arbeitsplatz zu besuchen, an dem die Arbeitsatmosphäre entspannt und kollegial ist? Gerade Chefs fällt es schwer, die Zügel abzugeben. Einige genießen es, eine gewisse Autorität auszustrahlen. Doch flache Hierarchien bedeuten nicht, dass man den Arbeitgeber nicht mehr als Respektsperson wahrnimmt. Im Gegenteil, beweist ein Manager, dass er Verantwortungen auch delegieren kann und ein offenes Ohr für alle Angestellten hat, wird ihm deutlich mehr Respekt entgegen gebracht – ohne dass die Mitarbeiter ihn fürchten. Kleinere Unternehmen machen außerdem deutlich, dass das Prinzip in Deutschland bereits funktioniert. In diesen ist es hierzulande bereits üblich, dass auch der Chef geduzt wird und für Fragen und Vorschläge offen ist.

Um also Produktivität und Arbeitsatmosphäre zu fördern, sollten Unternehmen sich am dänischen Beispiel orientieren. Aufgaben werden trotzdem gewissenhaft und pünktlich erledigt und die Angestellten fühlen sich besser – was physischen und psychischen Problemen vorbeugt. Der Wechsel muss nicht direkt eine 180 Grad Wende sein, sondern kann auch Schritt für Schritt und in Teilen erfolgen. Deshalb hier noch ein letzter gut gemeinter Rat von Jonas Gyalokay:

I believe transparency is something we should all strive for. Transparency drives a positive, diverse and open work culture. People feel comfortable organizing after-hours office events, because of the lack of hostility and rigidity during the 9 to 5, just as they feel comfortable voicing their concerns and ideas during office hours. A transparent structure is […] built on the collective feedback and data you receive as you grow and learn.
Embrace your inner Dane and give it a try!

Über Michelle Winner

Michelle Winner

Nachdem Michelle Winner Erfahrungen in einer Lokalzeitung und im Eventbereich gesammelt hat, unterstützt sie nun seit 2017 die Redaktion und schreibt für das OnlineMarketing.de Karrieremagazin über Themen rund um den Büroalltag.

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