Schutz vor Diskriminierung: Akademiker wünschen sich anonyme Bewerbung

Akademiker sehen anonyme Bewerbung als das Mittel gegen Diskriminierung bei der Jobsuche. Zurecht?

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„Frauen? Die könnten schwanger werden. Menschen mit Migrationshintergrund? Die sprechen bestimmt schlecht Deutsch.“ So oder so ähnlich geht es in einigen Unternehmen noch immer zu, sieht man sich die Anzahl von Bewerbern und Bewerberinnen mit Studienabschluss an, die schon einmal aufgrund ihrer Herkunft oder ihres Geschlechts diskriminiert wurden. Die Stellenvermittlungsplattform TALERIO befragte jüngst 1.009 deutschsprachige Studierende, ob sie bei der Jobsuche schon einmal Erfahrungen mit Diskriminierung gemacht haben. Jeder Vierte der Befragten bejahte dies. Die Studie bestätigt aktuell, was zahlreiche Studien in den Vorjahren bereits aufdeckten. So werden zum Beispiel Bewerber mit ausländisch klingenden Namen signifikant seltener zu Bewerbungsgesprächen eingeladen. Auf ihren Erfahrungen und Empfindungen beruhend, wünschen sich daher viele Akademiker die anonyme Bewerbung, bei der weder Namen, Herkunft noch Geschlecht genannt wird.

Ein Weg aus der Diskriminierung?

Diskriminierung beim Bewerbungsprozess ist durch viele Studien, auch durch die neueste von TALERIO, längst traurige Gewissheit. Doch ist eine gesichtslose Bewerbung tatsächlich der Weg hinaus aus dieser Misere? Vor allem Geisteswissenschaftler sind mit über 50 Prozent unter den Befragten dieser Ansicht und auch Studenten der Sozialwissenschaft sprechen sich sehr deutlich für eine anonymisierte Bewerbung aus. Wirtschaftsnahe und traditionelle Studiengänge, wie zum Beispiel die Juristen, halten sich etwas bedeckter. Hier sehen lediglich 38 Prozent einen Vorteil für Studierende, 42 Prozent hingegen sogar einen Nachteil für Unternehmen im Bereich des Human Resourcing. Dennoch geht ein Großteil der Befragten davon aus, dass die anonymisierte Bewerbung bald gesetzlich vorgeschrieben ist. Die vielen Befragten, die eine anonymisierte Bewerbung als erfolgreichen Kampf gegen Diskriminierung sehen, scheinen die Ansicht zu vertreten, dass sich Bedenken von HR-Managern gegenüber Herkunft und Geschlecht zerstreuen, sobald es zu einem Mensch-zu-Mensch Gespräch kommt – denn spätestens beim Bewerbungsgespräch ist es schließlich vorbei mit der Anonymität. Doch sagt nicht genau diese Hoffnung aus, dass es im Bewerbungsprozess auf das Individuum ankommt und Persönlichkeit überzeugt? Wenn nicht, dann würde eine anonymisierte Bewerbung das Problem der Diskriminierung nur aufschieben.

Personal Branding vs. Anonymität

Im Bereich Online-Marketing steht Persönlichkeit und Individualität bei der Bewertung von Bewerbungen durchaus weit vorn. In kaum einer anderen Branche wird im Bewerbungsprozess der virtuelle Fußabdruck so genau überprüft. Wie ist das Verhalten des Bewerbers auf den Social Media Kanälen? Gibt es einen Blog? Wie professionell wird dieser geführt? Schnell wird klar: eine anonymisierte Bewerbung würde den Bewerbern hier sogar Nachteile bringen. Denn was nun noch zählt sind ausschließlich Abschlusszeugnisse und ein Lebenslauf – und sind die Arbeitszeugnisse vergangener Arbeitgeber nicht geschlechtsneutral formuliert, fallen auch diese weg. Für Bewerber, die zum Beispiel viel privaten Einsatz und Willen zur autodidaktischen Fortbildung zeigen, in der Uni aber nicht unter den Ersten waren, wird eine anonyme Bewerbung so schnell zum Karriereloch.

Vor- und Nachteile der anonymen Bewerbung?

Stellen wir einmal Vor- und Nachteile der anonymen Bewerbung gegenüber:

Die Vorteile:

  • Keine Diskriminierung durch die Herkunft
  • Keine Diskriminierung durch das Geschlecht
  • Keine Diskriminierung durch eine Behinderung
  • Leistungen während der Studienzeit stehen im Vordergrund.
  • Es entscheiden Fakten statt Sympathie
  • Der erste Schritt zum Bewerbungsgespräch ist getan
  • Äußeres spielt keine Rolle

Die Nachteile:

  • Vorteile, die durch das Wissen um andere Kulturen und Wirtschaftskreise bestehen, können nicht mehr vom Bewerber erwähnt werden
  • Herkunft, Geschlecht und Behinderungen verändern und formen die Lebenserfahrung. Lebenserfahrung, die im Beruf durchaus dienlich sein kann
  • Zahlen statt Persönlichkeit: Personal Branding wird mit einer anonymen Bewerbung unmöglich.
  • Viele Bewerbungsgespräche könnten nur aus Neugierde, statt aus tatsächlichem Interesse entstehen. „Mann oder Frau? Schwarz oder weiß?“ Wenn diese Fragen geklärt sind, treten eventuell vorhandene Vorurteile ohnehin wieder auf den Plan.

Angst vor Quoten

Quoten, wie zum Beispiel die Frauenquote, sind ein weiterer Lösungsansatz um Diskriminierung entgegen zu wirken. Doch gerade Betroffene, bei der Frauenquote also Frauen, fühlen sich tendenziell unwohl mit einer Mindestanforderung für Unternehmen. Sie fühlen sich auf gesetzliche Vorgaben herunter reduziert, ihre Leistungen nicht bewertet. Vielleicht eine berechtigte Befürchtung, dennoch sollte man nicht vergessen, dass es auch hier nur um den ersten Schritt in die Tür geht – ähnlich einer anonymen Bewerbung. Kann sich die Frau dann erst einmal in ihrer neuen Stellung beweisen, werden Vorurteile, die zu Diskriminierung führen abgebaut. Im Idealfall macht das Quoten in einigen Jahren überflüssig. Dennoch: Das ungute Gefühl bleibt, nur aufgrund einer Zahl eingestellt zu werden, die gegebenenfalls ausschließlich eingehalten wird, um finanzielle Nachteile, zum Beispiel durch Strafzahlungen, abzuwenden. Ähnlich verhält es sich bei Bewerbern mit Behinderung, die in der Studie leider nicht berücksichtigt wurden. Hier kommt neben der Quote noch ein finanzieller Ausgleich in Form von Gehaltszahlungen durch die ARGE im ersten Jahr hinzu. Wer einmal vor einem potentiellen neuen Arbeitgeber gesessen hat, der den Kugelschreiber klicken lässt und fordert: „Gib mir doch einmal deine Kundennummer von der ARGE, damit ich nachfragen kann, wie viel Geld ich für dich bekomme?“, wie es mir selbst als gehbehinderter Mensch schon einmal passiert ist, der beginnt, Quoten mit einem bitteren Beigeschmack zu betrachten.  Kann eine anonymisierte Bewerbung hier Abhilfe schaffen?

Mit angeblichen Nachteilen nach vorne Preschen

Diskriminierungen stehen Bewerbern im Weg und daran wird sich, unabhängig von der anonymisierten Bewerbung, vermutlich erst etwas ändern, wenn Führungspersönlichkeiten eines besseren belehrt werden. Bis dahin haben Menschen, die von Diskriminierung betroffen sind, aber eine weitere Möglichkeit, von sich zu überzeugen. Wer vermeintliche Nachteile überzeugend als Vorteile darlegt, erweckt Neugierde und ein Umdenken bei manchen Personalern. Was macht dich zu einem besseren Bewerber weil du eine Frau bist, weil du ausländische Wurzeln hast oder weil du eine Behinderung hast? Beantwortest du diese Frage für dich, beantwortest du sie auch für andere. Und bei den restlichen Unternehmen, die dennoch diskriminieren, bleibt trotz engem Arbeitsmarkt die Frage: Willst du hier wirklich arbeiten?

Welche Erfahrungen hast du mit Diskriminierung gemacht? Siehst du die anonymisierte Bewerbung als Chance? Wir freuen uns auf dein Feedback.

Über Linda Ewaldt

Linda Ewaldt

Linda Ewaldt hat in Hamburg Germanistik und Psychologie studiert und danach Redaktionsluft in kleinen Startups und großen Unternehmen geschnuppert. Seither ist sie freiberuflich tätig und ihre Spezialgebiete sind Karriere und Gesundheit. Am liebsten schreibt sie für OnlineMarketing.de Artikel, die beides miteinander verbinden.

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