Wie Burnout-gefährdet bist du?

Bei 4 Prozent der Deutschen wurde die Diagnose zu einer Erschöpfungsdepression schon einmal gestellt. Aber was steckt dahinter und wie kannst du dich schützen?

© Stefano Pollio - Unsplash

Zuerst war die Kollegin nur ein paar Tage krank geschrieben. Daraus wurden Wochen. Wieder und wieder wurde die Krankschreibung verlängert. Gerade sie, die sonst nie zu Hause blieb, die sich auch mit Erkältung noch ins Büro schleppte. Die immer zuverlässig war und hundert Prozent gab. Und wirkte sie nicht seit einiger Zeit schon fahrig und gestresst? Schrieb noch spätabends und am Wochenende Mails? Meistens wird es nicht offen ausgesprochen, zumal es keine Pflicht gibt, bei Krankmeldungen die Ursache bekannt zu geben. Aber dem Team bleibt es nicht verborgen: Die Kollegin hat einen Burnout. 

Eigentlich ist der Modebegriff Burnout eine klassische Erschöpfungsdepression, und die gab es schon immer. Laut einer Studie des Robert Koch-Instituts wurde bei 4 Prozent der Deutschen schon einmal ein solches Burnout-Syndrom diagnostiziert; Frauen sind etwas häufiger betroffen als Männer. Wie alle Depressionen ist die Erschöpfungsdepression multikausal. Ein besonders hoher Workload kann sie auslösen, ist aber nur einer von mehreren Faktoren, die dazu führen, dass die Arbeit krank macht. 

Positiver Stress

„Ich kann den ganzen Tag über aktiv sein, ohne mich hetzen zu lassen,“ sagte ein Yoga-Lehrer in einer Doku über Achtsamkeit. Das bringt es auf den Punkt. Wir alle kennen Phasen, in denen wir in einen Flow kommen, uns lange und konzentriert einer Aufgabe widmen, die Zeit total vergessen. Solche Zustände bringen gute Ergebnisse hervor, die uns zutiefst beseelen können. Auch volle Arbeitstage, die uns alles abverlangen, können positiv auf uns wirken. Dazu gehört, dass wir uns einerseits kompetent fühlen, unsere Aufgaben gut zu meistern, und das wir selbst gestalten können, wie wir unsere Ziele erreichen. Freiheit und Vertrauen ist daher einer der Schlüssel, die dazu führen, dass wir uns im Job mit unserer ganzen Persönlichkeit einbringen können und hoch motiviert sind. Wertschätzung durch Kollegen und Führungskräfte ist ein weiterer wichtiger Faktor. Auf einer tieferen Ebene ist es nützlich, dass wir uns mit den Zielen identifizieren können, an denen wir mitwirken.

Wenn das System die Balance verliert

Allzu oft sieht es leider ganz anders aus. Hört man die Geschichten von Menschen, die einen Burnout erleiden, wird klar, dass immer mehrere Faktoren zusammenspielen, die das System  grundlegend aus dem Gleichgewicht bringen. „Auf einmal war da dieser neue Abteilungsleiter,“ erzählt ein Betroffener aus dem Marketing, „Und der war mit meinen Zahlen nicht zufrieden.“ Der neue Chef gab ihm das Gefühl, nicht gut genug zu sein und mehr und mehr zu fordern. Der Mitarbeiter versuchte mitzuhalten, sich zu beweisen, arbeitete immer länger, dokumentierte alles, checkte Ergebnisse doppelt und dreifach nach möglichen Fehlern durch. Nur nicht versagen! Der angstvolle Perfektionismus kostete mehr Zeit und viel Energie, die Projekte wurden aber nicht weniger. Zeit für Hobbys und die Freunde blieb keine mehr. Auch abends im Bett hörten die Gedanken nicht auf zu kreisen. Mit zu wenig Schlaf wurde es noch schwieriger, den Tag zu überstehen. In einer Spirale aus sinkendem Selbstvertrauen, die Aufgaben bewältigen zu können, und mehr und mehr Workload, der sich auftürmte, kam Panik auf: Ich schaffe das alles nicht mehr! Diese uns bekannten Aussagen eines anonymen Betroffenen sind kein Einzelfall.

Die Erkrankten fühlen sich wie getrieben, rennen nur noch hinterher, ohne ein befriedigendes Erfolgserlebnis. Häufig sind es Menschen, die hohe Anforderungen an sich stellen und sehr pflichtbewusst sind. Während anders veranlagte Zeitgenossen sich vielleicht denken würden: „Ihr spinnt wohl, mehr geht halt nicht“, fühlen sie sich in hohem Maße verantwortlich dafür, die von oben gesetzten Ziele zu erreichen. Dafür betreiben sie Raubbau an sich selbst.

Unterbesetzung als Normalfall

Wenn ich mir die Geschichten von Bekannten aus unterschiedlichen Bereichen anhöre, erscheint es mir oft, als seien nicht selten Unternehmensentscheidungen verantwortlich, wenn der Workload bei einzelnen viel zu hoch wird. Viele beklagen, zu wenig Manpower zu haben, um stressige Phasen abzupuffern oder auch nur das ganz normale Tagesgeschäft in einer 40-Stunden-Woche zu erledigen. Es sind die fleißigen Bienen, die dann regelmäßig Überstunden machen, um doch noch alles zu schaffen. Und die Führung sieht, es geht ja doch immer irgendwie und sieht keine Veranlassung, weitere Leute einzustellen. Manche Unternehmen brüsten sich auch geradezu damit, ihren Mitarbeitern alles abzuverlangen. Als Thomas Strerath noch Vorstand bei Jung von Matt war, ließ er bei einem SZ-Interview wissen: Wenn Bewerber über ihre Work-Life-Balance reden wollen, sind sie in seiner Agentur fehl am Platze.

Höre die Warnsignale

Eine ungute Kombination aus bestimmten Persönlichkeitseigenschaften und äußeren Faktoren begünstigt einen Burnout. Hier findest du die entscheidenden Faktoren, um dein Risiko zu ermitteln.

1. Ich arbeite also bin ich

Besonders gefährdet bist du, wenn du dich sehr stark mit deiner beruflichen Leistung identifizierst. Wer sein Selbstwertgefühl vom Job abhängig macht, kommt schneller ins Wanken, wenn es nicht gut läuft.

2. Gut ist dir nicht gut genug

Du hasst es, Fehler zu machen. Du willst immer 100 Prozent geben und gehst dafür gern die Extrameile. Aber das Paretoprinzip (oder die 80-zu-20-Regel) besagt, dass 80 Prozent des Ergebnisses mit 20 Prozent des Aufwandes erreicht werden. Perfektionismus ist also ganz schön ineffizient – es kann sehr vernünftig sein, in stressigen Phasen mal Fünfe gerade sein zu lassen.

3. Dein Workload ist dauerhaft intensiv

Du trägst gern Verantwortung und treibst Dinge voran. Es gibt eigentlich immer mehr zu tun, als du abarbeiten kannst. 10 Stunden-Tage und mehr sind die Regel, nicht die Ausnahme. Und am Wochenende nimmst du dein Laptop mit. Auch wenn der Europäische Gerichtshof jüngst die Rechte der Arbeitnehmer gestärkt hat, werden auch in Zukunft viele Menschen mehr arbeiten, als ihnen auf Dauer gut tut. Kommen andere Aspekte des Lebens zu kurz, vor allem die Erholung, leidet unser Körper und unsere Psyche. Dauerstress wirkt sich in vielerlei Hinsicht negativ auf unsere Gesundheit aus, so sinkt zum Beispiel die Leistungsfähigkeit der Immunabwehr, was uns für alles Mögliche anfälliger macht, sogar für so schwere Erkrankungen wie Krebs.

4. Du hast keine Motivation mehr

Früher hat dir dein Job Spaß gemacht, aber in letzter Zeit hast du immer weniger Lust dazu. Zeitdruck führt dazu, dass du das Gefühl hast, die Fülle der Aufgaben nur noch abzuarbeiten und deinem Leistungsanspruch selbst nicht mehr gerecht zu werden.

5. Dich plagen Selbstzweifel

Vielleicht mangelt es an Anerkennung, oder dein Job passt nicht optimal zu deinen Fähigkeiten. Vielleicht haben sich auch Anforderungen verändert und auf einmal stehst du Aufgaben gegenüber, die dir wie unüberwindbare Hindernisse erscheinen. Die eigene Befürchtung, Anforderungen nicht erfüllen zu können kann dann als selbsterfüllende Prophezeiung wirken.

6. Du kannst nicht mehr abschalten

Deine Gedanken kreisen auch in Ruhephasen um den Job und es fällt dir schwer, dich auf andere Tätigkeiten zu konzentrieren. Immer wieder gehst du in Gedanken durch, was du alles noch machen musst. Wenn hinzukommt, dass du dich nachts im Bett hin- und herwälzt, statt friedlich zu schlummern, wird es heikel. Schlafstörungen sind ein häufiges Anzeichen für Burnout oder andere Formen der Depression. Typisch ist dabei das morgendliche Früh-Erwachen und Grübeln, also zum Beispiel zwei bis drei Stunden bevor der Wecker klingelt. Der resultierende Schlafmangel begünstigt einen beginnenden Erschöpfungszustand zusätzlich.

Zieh die Reißleine

Wenn du dich bei mehreren der genannten Punkte wiedererkennst, ist es höchste Zeit, aktiv zu werden. Es reichen kleine Maßnahmen, um gegenzusteuern und gar nicht erst in der Burnout-Falle zu landen. Ist der Zusammenbruch aber erst einmal da, ist es ein Albtraum. Betroffene berichten von Panikattacken, vernichtenden Schuldgefühlen, Niedergeschlagenheit und Gefühlen der Wertlosigkeit, die in schweren Fällen suizidal enden kann. Und nicht nur Menschen, die im Büro arbeiten, sind betroffen. So überraschten deutlich erhöhte Suizidraten europäischer Landwirte vor allem in Monaten, in denen die Milchpreise auf dem Tiefstand waren.

Um sich von einem Burnout zu erholen, brauchen die Erkrankten oft Monate, manchmal Jahre. Manchmal bleiben Symptome wie Schlafstörungen dauerhaft. Und wenn die Betroffenen wieder in den Job zurück kehren, sind sie bei Stress umso stärker gefährdet, wieder in die Spirale zu geraten. Der Marketing Manager entschied sich nach seinem Zusammenbruch dafür, ein Hierarchie-Level runter zu gehen. „Das Risiko, dass es direkt so weiter geht wie vorher, war mir auf der alten Position einfach zu hoch“, sagte er. Es fiel ihm schwer, den Posten aufzugeben, für den er so viele Jahre hart gearbeitet hatte. Er musste sich neu sortieren, alte Werte hinterfragen. Schon als Kind bekam er zu hören, dass eine 2 nicht gut genug sei. Karriere zu machen war lange das wichtigste Ziel. Manch einer muss erst vor dem Abgrund stehen, um die Richtung zu wechseln. Zum Glück kann man schon vorher viel tun, damit es nicht so weit kommt. 

Wer nützliche Hinweise zur Burnout-Prävention erhalten möchte, kann sich hier informieren.

 

Über Johanna Hoffmann

Johanna Hoffmann

Johanna Hoffmann ist Soziologin und untersuchte viele Jahre als Marktforscherin in einer internationalen Medienagentur den Erfolg von Werbekampagnen. Sie interessiert sich insbesondere für das, was Menschen antreibt und schreibt seit März als Autorin für OnlineMarketing.de.

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