Trotz besserer Fähigkeiten: Frauen bewerben sich unter ihrem Niveau

Frauen unterschätzen oft ihre eigenen Qualifikationen. Schuld daran sind Klischees und fehlende Flexibilität von Unternehmen, die Frauen Hürden in den Weg stellen.

© Katherine Hanlon - Unsplash

Geschlechterunterschiede finden sich in unserem Joballtag immer wieder. Dies geht hinaus über den Mangel an Frauen in Führungspositionen und die Gender Pay Gap. Wie jüngst eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) zeigt, verkaufen sich Frauen oft unter Wert und nehmen einen Job an, der weit unter ihren eigentlichen Qualifikationen liegt. Bei Männern sei dies umgekehrt. Diese bewerben sich selbstbewusster auf höhere Positionen und überzeugen auch mit Erfahrungen, die sie nicht per Zeugnis nachweisen können. In den Ergebnissen der Studie des IW lässt sich jedoch auch ein Potential gegen den Fachkräftemangel erkennen.

Frauen bewerben sich nicht auf Berufe mit Engpässen

Nach der Studie des IW herrscht ein Fachkräftemangel in einem Beruf, wenn auf 100 offene Stellen weniger als 200 Arbeitslose kommen. Diese Engpässe gibt es besonders in traditionell „geschlechtertypischen“ Berufen (mindestens 70 Prozent Anteil eines Geschlechts in diesen Berufsfeldern). So wird im Metall- und Maschinenbau händeringend nach Fachkräften gesucht, ebenso wie in der Alten- und Krankenpflege. Das Problem sei, dass Frauen sich häufig nicht auf Jobs in diesen Berufen mit Engpässen bewerben. Die meisten arbeitslosen Akademikerinnen suchen lediglich nach Aushilfsjobs. Lydia Malin vom IW zeigt sich schockiert über diese Ergebnisse:

Uns hat total überrascht, dass besonders Akademikerinnen ihr Potenzial nicht nutzen. Eigentlich haben wir eine gute Arbeitslage für Arbeitnehmer. Niemand muss sich heutzutage unter Wert verkaufen.

Warum verkaufen sich Frauen trotzdem unter ihrem Wert?

Antworten auf diese Frage haben die Autoren der Studie auch parat. Laut ihnen haben Frauen mehr Anspruch an eine Stellenausschreibung und begutachten die Anforderungen strenger. Auch sind Männer meist offensiver und versuchen mit Qualifikationen und Erfahrungen zu punkten, die sie nicht per Zeugnis nachweisen können. Frauen seien da zurückhaltender. Hinzu kommt, dass viele weibliche Arbeitslose an ihren eigenen Qualifikationen zweifeln und diese nicht genügend anerkennen. Und, so traurig wie es klingt, Geschlechterstereotypen sind immer noch ein Grund dafür, dass Frauen beziehungsweise Männer vor manchen Berufsfeldern zurückschrecken. Doch dazu später mehr.

Denn in diesem Punkt muss unbedingt genannt werden, dass hochqualifizierten weiblichen Arbeitskräften häufig von den Unternehmen Steine in den Weg gelegt werden. Mutterschutz und Elternzeit drängen Frauen häufig in eine Teilzeitfalle, aus der es kaum ein Entkommen gibt. Zu wenige Arbeitnehmer zeigen sich flexibel genug, auf die Bedürfnisse der Mütter einzugehen. Kein Wunder also, dass viele Headlines die Familienplanung als Karrierekiller betiteln. Aufgrund mangelnder Angebote und Hilfestellungen, suchen weibliche Fachkräfte nach der Auszeit also eher nach Teilzeitjobs. Strukturen und Regelungen stellen dabei wieder ein Problem dar. Denn tatsächlich zeigt die IW-Studie, dass die Frauen in Teilzeit gern noch mehr Stunden arbeiten würden – ohne dafür eine Vollzeitstelle annehmen zu müssen. Mehr zur Teilzeitfalle findest du in unserem Artikel zu diesem Thema.

Potential nutzen – und mit Klischees brechen

Wie im vorherigen Absatz bereits erwähnt, sind Geschlechterklischees ein Grund dafür, wieso Frauen sich nicht auf Jobs bewerben, für die sie die richtigen Qualifikationen hätten. So erklärt Malin:

In den geschlechtsuntypischen Berufen gibt es viel seltener Personalmangel als in solchen mit überwiegendem Männer- und Frauenanteil. Erstaunlicherweise sind die Berufsbilder bei jungen Leuten noch traditionell. Die orientieren sich beruflich an ihren Eltern und Großeltern, dabei sieht die Realität heute ganz anders aus.

Dadurch geht ein Potential verloren, dass dem Fachkräftemangel entgegenwirken könnte. Die Agentur für Arbeit veröffentlichte Zahlen, die von 62.000 offenen Stellen für Hochschulabsolventen sprachen. Gleichzeitig gäbe es 28.000 arbeitslose Absolventinnen, die sich unter ihrem Niveau orientieren. Ändert sich dieser Status Quo, könnte zumindest ein Teil der fehlenden Stellen besetzt werden. Dafür muss jedoch mit Klischees aufgeräumt werden und Stellenanzeigen attraktiver für Frauen gestaltet werden. Die männerdominierten Berufe seien inzwischen offener geworden, jedoch werde das nicht zureichend durch die Unternehmen kommuniziert.

Die Autoren der Studie empfehlen, dass in Jobanzeigen bestimmte Formulierungen geändert werden. „Verhandlungsgeschick“ oder „Durchsetzungsvermögen“ würden auf viele Frauen eher abschreckend wirken, weshalb stattdessen nach „Wortgewandtheit“ und „Selbstbewusstsein“ gesucht werden sollte. Ob diese Umformulierungen jedoch wirklich etwas bringen, bleibt fraglich. Zumal durch diese erneut in gewisser Weise Klischees bedient werden.

Die Sache mit den Klischees…

Geschlechterstereotypen sind nur schwer aus den Köpfen unserer Gesellschaft zu verbannen, was sich in unserem Alltag und auch im Berufsleben widerspiegelt. Und auch wenn viele Arbeitnehmer und -geber über die Jahre offener geworden sind, gibt es auch immer wieder gegenteilige Beispiele. Deshalb ist es wichtig, Frauen, und auch Männern, so früh wie möglich zu vermitteln, dass die Berufswahl nichts mit dem Geschlecht zu tun haben sollte. Heißt, Schulen, aber auch Eltern stehen hier in der Verantwortung. Eine gute Meldung gibt es diesbezüglich bereits aus der Studie: Jugendliche richten sich bei der Berufsorientierung bereits nach den Berufen nach Engpässen. So seien unter den beliebtesten Berufsfeldern Pfelge, Betreuung und auch IT und Technik zu finden.

Was die Studie etwas außer Acht lässt, ist, dass nicht jede arbeitslose Hochschulabsolventin auch einen Abschluss in einem der MINT-Fächer hat. Besonders Geisteswissenschaftlerinnen haben aufgrund der schwierigen Arbeitsmarktverhältnisse Probleme damit, einen passenden Job zu finden – können aber auch nicht einfach im Maschinenbau und Co. eingesetzt werden.

Nichtsdestotrotz bleibt es eine Tatsache, dass Frauen besonders nach der Schwangerschaft Hürden in den Weg gestellt werden, die sie nur schwer überwinden können. Unternehmen müssen hier mehr Flexibilität und vor allem Verständnis aufbringen. Gleichzeitig gehören Ausdrücke wie „Frau im gebährfähigem Alter“ aus dem Vokabular von Arbeitgebern gestrichen. Klischees und veraltete Einstellungen, die seit Ewigkeiten vorherrschten, müssen entkräftet und ausgemerzt werden, um Frauen so zu ermutigen und ihnen zu zeigen, dass sie gleiche Rechte und Chancen haben. So erreicht man am Ende sicherlich mehr, als durch eine „für Frauen attraktivere“ Formulierung mancher Begrifflichkeiten in Stellenanzeigen.

Über Michelle Winner

Michelle Winner

Nachdem Michelle Winner Erfahrungen in einer Lokalzeitung und im Eventbereich gesammelt hat, unterstützt sie nun seit 2017 die Redaktion und schreibt für das OnlineMarketing.de Karrieremagazin über Themen rund um den Büroalltag.

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