Bedingungsloses Grundeinkommen: Ist es falsch für Arbeit bezahlt zu werden?

Gesichertes Einkommen auch ohne Erwerbstätigkeit – das soll ein bedingungsloses Grundeinkommen ermöglichen. Die Meinungen darüber gehen jedoch stark auseinander.

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Die Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens (BGE) klingt in der Theorie simpel. Jeder Bürger bekommt monatlich eine bestimmte Summe Geld vom Staat zur Verfügung gestellt, unabhängig aller Lebensumstände. Dafür fallen staatliche Förderungen wie Arbeitslosengeld, Hartz IV, BaföG und Rente weg. Das Thema steht im Fokus etlicher Diskussionen. Die häufigsten Kritikpunkte drehen sich um Finanzierung und Auswirkungen auf die Arbeitseinstellung, während Befürworter das neue Gefühl von Freiheit betonen. Tatsächlich gab es 2016 in der Schweiz erstmals einen Volksentscheid über das BGE, bei welchem die Mehrheit dagegen stimmte. Finnland hingegen testet das Model seit Januar 2017. Dort bekommen 2.000 Arbeitslose monatlich 560 Euro.

Eine liberalistische Idee

Der belgische Philosoph und Ökonom Philippe Van Parjis prägt in der Debatte um das BGE den Begriff der realen Freiheit. Dabei dreht es sich um die Tatsache, dass uns Grundrechte wie Meinungsfreiheit nichts bringen, wenn uns die finanziellen Mittel dafür fehlen. Zur Verdeutlichung: Wie soll man sich bilden, wenn die Studienkosten nicht bezahlt werden können? Wie fremde Länder erkunden und Kulturen kennen lernen, wenn Reisen zu teuer ist? Laut dem Liberalisten Van Parjis ermöglicht das BGE eine neue Form von Freiheit. Dabei soll kein materieller Reichtum für Jedermann geschaffen, sondern einfach für eine gewisse Chancengleichheit zur Persönlichkeitsentwicklung gesorgt werden.

Unser Verständnis von Arbeit ist falsch

Götz Werner, 74, Gründer von dm-Drogerie Markt, kritisiert das gesellschaftliche Verständnis von Arbeit. Das Problem bestehe darin, dass wir Arbeit und Bezahlung nicht von einander trennen könnten, dabei gäbe es viele unbezahlte Arbeiten wie Ehrenämter. Für Werner selbst ist Arbeit etwas, in dem man einen Sinn sieht. Etwas, das man nicht nur des Geldes wegen tut.

„Wir kommen auf die Welt, um uns zu Entwickeln und darüber hinaus zu wachsen. Genau dafür brauchen wir Arbeit.“

Ein Einkommen sei wichtig für unseren Weg, wobei sich Arbeitnehmer auf einer Ebene begegnen und die Arbeit anderer wertschätzen sollten. Wichtig hierbei sei, dass das Einkommen die Arbeit ermöglicht, nicht umgekehrt. Ein Mensch könne einer Arbeit nur dann nachgehen, wenn er dafür ein Einkommen erhält. Eine abstrakte Vorstellung, die aber an einem Beispiel erklärbar ist. Du sitzt im Büro und schreibst einen Artikel, weil ein Einkommen dir das ermöglicht, nicht weil du Einkommen erhältst. Würdest du kein Geld bekommen, könntest du nicht im Büro sitzen und schreiben, weil dir die finanzielle Absicherung durch ein Einkommen fehle.

Götz Werner sprach auf der New Work Experience 2018 in Hamburg unter anderem über bedingungsloses Grundgehalt. © Tina Bauer | OnlineMarketing.de

Ein BGE ermöglicht den Menschen neue Chancen

Das bedingungslose Grundeinkommen würde laut Werner ein neues Verständnis von Wohlstand in den Köpfen der Bürger hervorrufen. Die Würde des Menschen könne wirklich unantastbar gemacht werden. Vor allem kritisiert der Gründer nämlich, dass es in einer so reichen Gesellschaft soviel Armut gibt. Da würde das BGE ein völlig neues Gefühl der Sicherheit schaffen, denn man stünde nie wieder mittellos da. Außerdem könne es den Druck von den Menschen nehmen, wodurch sie endlich das tun könnten, was sie wollen. Einfach gesagt, könnten wir alle einer Arbeit nachgehen, die uns liegt und die uns interessiert, egal was wir damit verdienen. Denn schließlich sichert das BGE in diesem Falle die Grundbedürfnisse.

Kritiker sieht Werner im Unrecht

Die Kritik, ein BGE sei nicht finanzierbar, hält Götz Werner für Unsinn. Wenn es ein Einkommen gäbe, würde auch Arbeit existieren. Dadurch komme es zur Produktion und so auch zur Finanzierung.

Wir leben nicht vom Geld, sondern von den Gütern und Dienstleistungen, die wir herstellen. Die Frage der Finanzierung ist eine Frage, wie wir die Geldströme in unserem Land sinnvoll verteilen.

Und auch dem Argument, die Leute würden ihre Arbeitsmoral verlieren, stimmt er nicht zu. Zunächst basiere diese Annahme auf einem völlig falschen Menschenbild. Und auch kritisiert er die Vorstellung Vieler, dass bestimmte Arbeiten nicht mehr erledigt werden würden. Es gibt Berufe, die man selbst vielleicht nicht machen möchte, andere aber dafür schon. Als konkretes Beispiel nennt er die Müllabfuhr. Dafür sollte die Gesellschaft mehr Respekt zeigen und nicht davon ausgehen, dass das BGE zu Müllbergen und Chaos führt. Weiterentwicklung mit Hilfe von Arbeit sei das Ziel des Menschen, was der Gründer selbst in seinen sieben Kindern beobachtet hat. Der entscheidende Punkt ist, dass ein BGE eine Arbeit ermöglicht, die man tun will und nicht muss.

Mehr Gründungen durch ein BGE

Die Vorteile des Grundeinkommens liegen also klar auf der Hand. Jeder könnte interessengeleitet einer Tätigkeit nachgehen. Zudem wären Berufswechsel im hohen Alter risikoärmer und Azubis und Studenten könnten etwas lernen, was sie wirklich interessiert, ohne finanziellen Druck im Nacken und mögliche Verschuldung durch BAföG. Christopher Plantener, Gründer von Kontist, sagt außerdem, dass ein BGE zu mehr Gründungen führen würde. Die finanziellen Risiken der Selbstständigkeit wären damit enorm verringert. Und auch er betont den Wunsch des Menschen etwas in seinem Leben zu schaffen. Daher käme es nicht zum Verlust der Arbeitsmoral.

Infografik: So hoch sollte ein bedingungsloses Grundeinkommen sein | Statista

BGE – Das Ende des sozial Staats

Neben vielen Befürwortern, gibt es ebenso viele Kritiker. Besonders oft wird das Ende des Wohlfahrtsstaates nach Bismarck genannt, welches aus der Einführung eines BGE resultieren würde. Soziale Unterschiede blieben aber trotzdem bestehen, wenn Reiche genauso viel bekommen würden wie Wenigverdiener, so die Gegnerseite. Das deutsche Gerechtigkeitsverständnis basiere auf einer Bedarfsgerechtigkeit. Wer etwas braucht, bekommt es, genauso wie jemand der viel leistet mehr bekommt als jemand der weniger leistet. Am Ende werde aber jeder Einzelne am Reichtum des Staats beteiligt.

Und auch die Finanzierung wird stark angezweifelt. Soll jeder Bürger monatlich 1.000 Euro erhalten, so müsse der Staat eine Billion Euro auftreiben, was ungefähr einem Drittel des Volkseinkommens entspräche. Und würde man einen „machbaren“ Betrag wählen, wäre dieser so klein, dass die Reichen ihn nicht einmal beachten würden. Die Ärmeren hingegen blieben trotzdem darauf angewiesen, aus finanziellem Zwang heraus einen beliebigen Job zu ergreifen. Zudem wird kritisiert, dass die Lebensumstände nicht beachtet werden würden. So könnte der Spezialbedarf von Schwerbehinderten beispielsweise zum Problem werden, denn ein BGE könne teure Geräte und Behandlungen nicht abdecken. Politikwissenschaftler und Armutsforscher Christoph Butterwegge meint außerdem, es sei Unsinn Millonäre und Millardäre am BGE zu beteiligen. Zudem bliebe die soziale Ausgrenzung Erwerbsloser bestehen.

Selbst wenn Erwerbslose durch ein Grundeinkommen materiell besser abgesichert wären, bliebe das Problem ihrer sozialen Ausgrenzung bestehen. Denn in einer Arbeitsgesellschaft hängen Lebenszufriedenheit, sozialer Status und Selbstwertgefühl an der Berufstätigkeit.

Testkandidatin in Finnland ist geteilter Meinung

Mira Juskari, 35, ausgebildete Hotel- und Restaurantfachfrau nimmt seit 2017 am Testlauf in Finnland teil. Die Erwerbslose erhält 560 Euro im Monat, doch ihr Leben habe sich dadurch kaum verändert. Besonders positiv sei aber, dass sie nun frei entscheiden könne, welche Arbeit sie annimmt. Es geht nicht mehr nur um die finanzielle Absicherung, sondern auch ihre persönlichen Interessen.

Außerdem vermittelte das zusätzliche Einkommen ihr ein behagliches Gefühl, während sie einen kurzen Zeitraum lang erwerbstätig war. Da Mira auch nicht mehr so krampfhaft nach einem Job suchen muss, hat sie nicht nur mehr Zeit für ihre Familie, sondern auch für die eigene Genesung. Momentan ist sie nämlich aus gesundheitlichen Gründen nicht erwerbstätig. Außerdem möchte die Finnin ihr ehrenamtliches Engagement steigern, was ihr das BGE ebenfalls ermöglicht. Zu der Frage, ob Arbeitslose durch das Grundeinkommen die Jobsuche aufgeben würden, sagt sie:

Ich möchte ja wieder arbeiten und bin sicher, dass das bei den meisten Menschen so ist.

Für sie ist das BGE also kein Ersatz für ein Einkommen aus Erwerbstätigkeit, sondern eine Unterstützung. Doch gerade deshalb ist sie auch der Meinung, dass es Abstufungen in der Höhe des Grundeinkommens geben sollte. Ärmere Bürger sollten demnach mehr bekommen als Reiche. Und auch die Finanzierung sieht Mira als schwierig an, auf Grund der Bürokratie des eigenen Landes. Ihr Vorschlag ist eine höhere Besteuerung der Reichen, woraus dann die Zahlung des BGE ermöglicht werden solle. Natürlich ist es in dieser Form nicht mehr bedingungslos.

Es gibt also viel, was für ein bedingungsloses Grundeinkommen spricht, aber auch einiges dagegen. Auf welcher Seite man sich selbst positioniert, ist jedem selbst überlassen. Jedoch sollten beide Seiten der Diskussion angehört werden. Schlussendlich bleibt es aber eine politische Entscheidung, ob jemals ein BGE eingeführt werden wird.

Über Michelle Winner

Michelle Winner

Michelle Winner studiert Anglistik und Germanistik an der Uni Hamburg. Nachdem sie in einer Lokalzeitung und im Eventbereich Erfahrungen gesammelt hat, unterstützt sie nun seit 2017 die Redaktion und schreibt für das OnlineMarketing.de Karrieremagazin über Themen rund um den Büroalltag.

Ein Gedanke zu „Bedingungsloses Grundeinkommen: Ist es falsch für Arbeit bezahlt zu werden?

  1. Eric

    Solche Experimente mit wenigen tausend beteiligeten decken ja auch nur die eine Hälfte der Vorteile vom GEK ab. Und offenbaren Nachteile, welche bei Flächendeckendem Grundeinkommen nicht vorhanden wären auf. Zum ersten, dass man jeden ansprechen könnte der gerade ohne Arbeit scheint und Ihn (und seien es einmalig nur 10 h Arbeit) anbieten könne ohne, dass diese Person „Sanktionen“ von seinem Jobcenter befürchten müsste, in Form von bürokratischem Mehraufwand, Auszahlungsminderung für den nächsten Monat, einstellung von Zahlungen durch fehlende Unterlagen, rückwirkende Auszahlungsrückforderungen. Es wäre einfach so, dass diese Person für 10h Arbeit mehr Geld in der Tasche hat. 2. Es befindet sich mehr liquidität im Markt, da Menschen die aus welchen Gründen auch immer vom Markt und Sozialsystem abgeschnitten weil sie z.B. keine Meldeadresse aben in der Lage währen wieder am Markt teilzunehmen. 3. Die Geldmenge im Markt steigt, da auch die Arbeitstätigen Grundeinkommen erhalten und das führt Flächendeckend zu mehr Nachfrage, zu höheren Umsätzen und zu höheren Löhnen, vor allem zu mehr Arbeitskraftnachfrage also mehr Jobs und nicht allzuletzt zu wesentlich höheren Steuereinnahmen.

    Von einem Test mit 2000 Personen, der Makroökonomisch keine Auswirkungen hat, eine ansatzweise belastbare Aussage zur Wirkungsweise zu erhalten ist schlicht per Design dazu ausgelegt das GEK in ein negatives Licht zu rücken, da die größten und wichtigsten Vorteile schlicht nicht zum tragen kommen.

    Wenn jemand der Arm dran aber auch genügsam und mit wenig zufrieden ist, die Möglichkeit hat, für ein paar Stunden Arbeit in einem Verhältnis 1:1 Arbeitsaufwand:Entlohnung(+- Steuern) seine Freundin ins Kino einzuladen oder mal zu verreisen dann wird er das auch tun, wenn er nicht das Damoklesschwert vom zittrigen und vollkommen überforderten Amt über seiner Finanziellen Existenz zu hängen hat.
    (ich habe die Zahlen gerade nicht im Kopf aber es geht um das Prinzip)
    Wenn jemand z.b. 1000€ vom Amt kriegt. Und dann für 1000€ arbeiten geht.
    Und dann einfach 1000€ nicht mehr vom Amt kriegt, hat er nichts weiter getan als sich unentgeldlichen Aufwand im Umfang von 1000€ Gegenwert an den Hals zu schaffen ohne Vorteile. Wenn er hingegen für 1000€ Arbeiten geht bei 1000€ Grundeinkommen hat er 2000€ (die durch Konsum in den Markt gelangen und dementsprechend andere auch noch im selben Monat ausgeben können) und der Staat kann ganz normal Einkommensteuer beziehen die den Kompletten betrag deckelt (die anderen Marktteilnehmer deren Einkommen durch den neuen Werkstätigen steigen mit eingerechnet).
    Mal ganz abgesehen davon, dass derjenige vielleicht alte Leute pflegt oder eine neue Schule baut anstatt nichts zu tun.

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