Arbeitsmarkt 4.0: Wer gewinnt den Kampf Generalist vs. Spezialist?

Die Digitalisierung lässt den Ruf nach mehr Fachexperten laut werden, besonders im Bereich KI. Doch sind die Allrounder automatisch vom Aussterben bedroht?

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Der neue Arbeitsmarkt wirft unweigerlich die Frage auf, wer eher benötigt wird: Generalisten oder Spezialisten. Beiden Gattungen werden gern bestimmte Attribute zugewiesen. So können erstere als Allrounder gelten, oder Nichtskönner. Die Anderen hingegen als Experten oder Fachidioten. Gerade mit der fortschreitenden Digitalisierung werden die Rufe nach IT-Genies laut, deren Spezialgebiet KI ist. Gleichzeitig könnten Generalisten aber auch punkten, da sie sich flexibler an den stetigen Wandel anpassen. Wen braucht der Arbeitsmarkt 4.0 aber wirklich?

Vor- und Nachteile der Spezialisten

Diese Experten, wie der Name bereits suggeriert, sind auf ein bestimmtes Gebiet spezialisiert und verfügen über viel Insiderwissen, das Generalisten meist vorenthalten bleibt. Selbst dann, wenn jene im selben Feld aktiv sind. Ihr Marktwert ist besonders hoch, denn Fachwissen ist heute gefragt und spiegelt sich auch dementsprechend im Gehalt wieder. Außerdem können sich Spezialisten besser gegen Generalisten als Konkurrenz durchsetzen, gerade wenn eine Stellenausschreibung gezielt nach bestimmten Kenntnissen sucht.

Bei den Nachteilen hört man oft den unschönen Begriff Fachidiot. Spezialisten haben den Ruf, unflexibel und stark auf ein Einsatzgebiet begrenzt zu sein. Zudem muss ihr Wissensstand durch Fortbildungen immer aktuell gehalten werden. Dadurch entsteht bei manchen ein regelrechter Leistungsdruck, der durch den ständigen Fortschritt begünstigt wird. Zudem traut man den Experten Umschulungen nur selten zu. Sollten sie jedoch trotzdem eine machen, werden sie oft wie Neueinsteiger behandelt – und bezahlt.

Vor- und Nachteile der Generalisten

Diese Allrounder verfügen über ein Cluster an verschiedenen Tätigkeitsbereichen, welche sie abdecken könnten. Jedoch geht ihr Wissen im jeweiligen Gebiet meist nicht so tief wie das der Spezialisten. Trotzdem haben Generalisten es bei der Jobauswahl leichter, denn sie sind nicht nur auf ein Feld begrenzt und stellen sich regelmäßig neuen Herausforderungen. Sie können abteilungsübergreifend arbeiten und sind flexibel genug, um auf plötzliche Änderungen zu reagieren. Außerdem haben sie oft mehrere Blickwinkel auf ein Problem. Beim richtigen Arbeitgeber steht ihrem Aufstieg auf der Karriereleiter nichts im Wege.

Trotzdem haben die Generalisten es auf dem Arbeitsmarkt oft schwer. Ihre bunten Lebensläufe sind für Personaler nicht so eindeutig zuzuordnen wie die der Spezialisten. Es ist schwerer für sie, sich einen Ruf in der Branche aufzubauen. Außerdem ziehen sie im direkten Vergleich zu den Experten oft den Kürzeren, wenn es um eine Stelle geht. Die Jobsuche allgemein ist für Generalisten erschwerlich, da es viel Konkurrenz gibt: Es existieren schlichtweg mehr Generalisten als Spezialisten in unserer Gesellschaft, was sie leichter austauschbar macht.

Sterben Generalisten durch die Digitalisierung also aus?

Diese Frage lässt sich pauschal nicht beantworten. Sophia von Rundstedt, CEO der gleichnamigen Karriereberatung, erklärt:

Diesen Eindruck kann man gewinnen. Die Halbwertzeit von Wissen sinkt immer weiter: Die Welt wird immer komplexer, so dass man gar nicht umfassend auf dem aktuellen Stand bleiben kann. Man muss sich als zwangsläufig auf einen Schwerpunkt oder das notwendige Wissen für die aktuelle Aufgabe fokussieren. Damit wird man über die Zeit – quasi automatisch – zum Spezialist. Stellenanzeigen mit immer spezifischeren Anforderungsprofilen verstärken dieses Bild noch zusätzlich.

Jedoch ist dies nur eine Seite der Medaille, wie von Rundstedt weiter ausführt. Spezialisten werden zwar händeringend gesucht, gerade in Bereichen wie Künstliche Intelligenz, jedoch bleiben die Generalisten trotzdem unabdingbar. Viele Querschnittsdisziplinen erfordern Allrounder, die sich auf verschiedene Problemstellungen einstellen können. Gerade komplexe Bedürfnisse von Kunden werden von den Generalisten oft besser verstanden und umgesetzt als von den Spezialisten. Zudem ist es auf dem heutigen Arbeitsmarkt so, dass die klassische Leiterkarriere immer mehr ausstirbt. Arbeitnehmer wechseln ihren Arbeitsplatz regelmäßig und verbringen ihr Leben nur selten in ein und dem selben Gebiet oder Unternehmen. Wie bereits erwähnt, ist diese Veränderung für Generalisten leichter zu verarbeiten, da sie sich flexibel anpassen – und oft auch gezielt neue Herausforderungen und Aufgabenfelder suchen. Sie sind nicht fokussiert auf eine spezielle Tätigkeit.

Experten und Allrounder werden gesucht – für verschiedene Bereiche

Ein Generalist, der ein bisschen Ahnung von KI hat, wird heutzutage gegen einen Spezialisten kaum noch bestehen können. Jedoch müssen Arbeitgeber sich bewusst machen, dass sie sowohl Experten benötigen, die das Unternehmen dem Fortschritt und komplexen Technologien anpassen, als auch Allrounder. Projekte werden immer vielfältiger und individueller und es werden Mitarbeiter gebraucht, die in verschiedene Rollen schlüpfen können – oder auch mal in zwei gleichzeitig. Beide Arten von Arbeitnehmern bleiben also auch auf dem Arbeitsmarkt 4.0 erhalten – beziehungsweise müssen erhalten bleiben. Fakt bleibt jedoch, dass in Deutschland ein Fachkräftemangel vorherrscht und Experten von Unternehmen regelrecht umworben werden. Generalisten gibt es hingegen viele, weshalb diese sich bei der Jobsuche und beim Aufstieg auf der Karriereleiter durchbeißen müssen – und lernen auch mit Niederlagen umzugehen. Trotzdem ist ein guter Allrounder Gold wert für ein Unternehmen.

Über Michelle Winner

Michelle Winner

Nachdem Michelle Winner Erfahrungen in einer Lokalzeitung und im Eventbereich gesammelt hat, unterstützt sie nun seit 2017 die Redaktion und schreibt für das OnlineMarketing.de Karrieremagazin über Themen rund um den Büroalltag.

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