Arbeiten wenn andere frei haben: Für Millionen Angestellte normal

Jeder vierte Angestellte muss am Wochenende arbeiten. Gleichzeitig entstehen Diskussionen darüber, ob das Arbeitsverbot am Sonntag gelockert werden sollte.

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Freitag Feierabend machen und das Wochenende genießen? Für viele Angestellte in Deutschland nur ein Wunschdenken. Denn auch wenn standardmäßig immer von einer Fünf-Tage-Woche gesprochen wird, die von Montag bis Freitag geht, sieht die Realität für immer mehr Arbeitnehmer anders aus. Neben der Schichtarbeit, müssen auch immer mehr Menschen an den Wochenenden und Feiertagen arbeiten. Dies ist in vielen Fällen nötig, um unser Leben, so wie wir es kennen, zu ermöglichen. Doch es gehen auch gesundheitliche Risiken für die Beschäftigten damit einher.

Jeder Vierte muss am Wochenende arbeiten

Auf Nachfrage der Linken gab die Bundesregierung Aufschluss darüber, wie es mit den atypischen Arbeitszeiten in Deutschland steht. Von den insgesamt 37 Millionen Angestellten, arbeiten neun Millionen an einem oder zwei Wochenenden im Monat. Diese Zahl klingt im ersten Moment vielleicht nicht hoch, doch versuchen wir einmal dies zu verdeutlichen: neun Millionen Menschen entsprechen (grob) dem Dreifachen der gesamten Einwohnerzahl von Berlin. Natürlich gibt es, wie für fast alles in Deutschland, Regelungen, die in diesem Fall durch das Arbeitszeitgesetz (ArbZG) festgelegt werden. So kann ein Arbeitgeber durchaus verlangen, dass seine Angestellten auch Samstags ran müssen. Denn nach ArbZG wird dieser als normaler Werktag behandelt. Anders sieht es mit Sonn- und Feiertagen aus. An diesen gilt theoretisch ein striktes Arbeitsverbot.

Ausnahmen bestätigen wie immer die Regel

In bestimmten Branchen ist es einfach notwendig, dass die Arbeit an jedem Tag erledigt wird, egal ob Wochenende oder Feiertag. Neben Polizei, Feuerwehr und Rettungsdiensten gilt die Ausnahme auch für Gastronomie und Hotellerie, Pflege und Verkehrsbetriebe. Diese Beispiele schießen auch den meisten von uns sofort in den Kopf, wenn wir über die Thematik nachdenken. Weniger bewusst sind wir uns hingegen darüber, dass beispielsweise auch Landwirte sich täglich um ihre Tiere kümmern müssen. Und auch Bäckereien und Rundfunk und Presse arbeiten täglich. Würden die Menschen in diesen Branchen das nicht tun, würde für den größeren Rest der Bevölkerung das totale Chaos entstehen.

Übrigens: Offiziell stehen jedem, der an Sonn- und Feiertagen arbeiten muss, 15 freie Sonntage im Jahr zu. Zudem muss ein Ersatzruhetag mindestens zwei Wochen vor oder nach dem gearbeiteten Sonntag ermöglicht werden. Gleiches gilt für Feiertage, nur mit einem Zeitraum von 8 Wochen. Was in der Theorie vernünftig klingt, kommt jedoch in der Praxis nicht immer zustande. Gerade Pflege und Gastronomie kennen die Zeiten wenn Not am Mann ist und man unweigerlich nicht nur Überstunden macht, sondern auch nicht auf seine 15 freien Sonntage kommt. Sonn- und Feiertagszuschläge, die es in einigen Betrieben gibt, sind zudem eine freiwillige Leistung des Arbeitgebers und nicht gesetzlich vorgeschrieben.

Ein Überblick in Zahlen

Tatsächlich sind Gastronomie und Hotellerie mit 62 Prozent auch am häufigsten von Wochenendarbeit betroffen. In den Branchen Kunst, Unterhaltung und Erholung müssen 47 Prozent arbeiten und 39 Prozent im Handel und Autowerkstätten. Wohlgemerkt, diese Zahlen gelten auch für den Samstag, nicht nur Sonntag. Neben den Wochenenden sind für die meisten Menschen auch die Nächte Ruhezeit. Für zwei Millionen Angestellte in Deutschland sind Nachtschichten jedoch normal. Allgemein betrachtet arbeitet übrigens jeder siebte Beschäftigte im Schichtdienst. Abgesehen davon haben 1,6 Millionen Angestellte überlange Arbeitszeiten. Dies bedeutet, dass sie mehr als 49 Stunden in der Woche arbeiten, Überstunden nicht mitgezählt. All diese atypischen Formen von Arbeit können gesundheitliche Folgen haben. So schreibt der Spiegel:

Schichtarbeiter klagen demnach häufiger über Schlafstörungen, Rücken- und Kreuzschmerzen und körperliche Erschöpfung. Beschäftigte, die am Wochenende arbeiten, berichten häufig von Müdigkeit und Rückenschmerzen.

Hinzu kommen noch Risiken durch Überstunden, wie Burnout, Schlafstörungen und auch ein steigendes Unfallrisiko am Arbeitsplatz. Nun sagen mache Angestellte mit normalen Arbeitszeiten, diese Menschen hätten sich ja einen anderen Job suchen können. Jedoch ist dieses Argument als eine Respektlosigkeit anzusehen. Viele der Beschäftigten machen ihren Job gern – trotz der atypischen Arbeitszeit. Hinzu kommt, dass, wie schon erwähnt, ohne diese Menschen unser öffentliches Leben so nicht möglich wäre.

Sonntagsarbeit für alle?

Nun stellt sich die Frage, ob mit neuen Arbeitsmodellen, durch welche viele „normale“ Angestellte ihre Arbeitszeit beispielsweise frei einteilen können, das Arbeitsverbot an Sonntagen überhaupt noch Sinn macht. Natürlich sollten jedem Arbeitnehmer Ruhezeiten und -tage zustehen, Minimum einer pro Woche. Doch muss es nach christlicher Tradition zwingend der Sonntag sein? Ungebundene Personen würden sich vielleicht lieber einen Werktag sparen, während in Familien der Sonntag oft die einzige gemeinsame Zeit bietet, weil die Kinder unter der Woche Kita oder Schule besuchen.

Infografik: Arbeitszeiten - so flexibel sind Deutschlands Branchen | Statista

Sollte es bei flexiblen Arbeitszeiten nicht auch flexible Ruhetage geben?

Zur selben Zeit entstehen momentan immer mehr Debatten darüber, ob der Einzelhandel auch Sonntags geöffnet haben sollte. Schließlich kann man an diesem Wochentag auch essen gehen, wieso also nicht shoppen? Gerade für Familien und Einzelpersonen, die nur Sonntags frei haben, wäre dies natürlich ein Vorteil. Andersherum können auch wieder Nachteile für die Beschäftigten im Einzelhandel entstehen. Die Pro- und Kontralisten sind lang.

Wie ist es bei euch? Normale 5-Tage-Woche oder ebenfalls Arbeit an den Wochenenden und Feiertagen? Wie lebt es sich damit? Und was haltet ihr Betroffenen von dem Argument, dass ihr euch ja auch eine andere Branche hättet suchen können? Und wie ist die allgemeine Einstellung zum Thema Einzelhandel auch am Sonntag? Diskutiert gern mit uns!

Über Michelle Winner

Michelle Winner

Nachdem Michelle Winner Erfahrungen in einer Lokalzeitung und im Eventbereich gesammelt hat, unterstützt sie nun seit 2017 die Redaktion und schreibt für das OnlineMarketing.de Karrieremagazin über Themen rund um den Büroalltag.

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