Anonymität im Großraumbüro: Mehr menschliche Nähe führt zu sinkenden sozialen Interaktionen

Open Workspace hat den Ruf, die Kommunikation zwischen Mitarbeitern zu fördern. Trotzdem empfinden viele Arbeitnehmer die Arbeit dort als unangenehm. Eine Studie zeigt nun, wie sich die direkte Nähe zu Kollegen auf das Verhalten auswirkt.

© Shridhar Gupta | Unsplash, CC0

Viele Arbeitgeber pochen auf die Vorteile von Großraumbüros: schnelle Absprachen, kurze Wege, Gemeinschaftsgefühl. Die Arbeitnehmer hingegen, scheinen davon eher wenig zu spüren. Bei vielen löst die direkte Nähe zu den Kollegen ein Gefühl von Bedrängnis oder Beklommenheit aus. Es fehlt ein persönlicher Rückzugsort.

US-Studie zeigt die Nachteile von Großraumbüros

Im Rahmen einer Studie der Havard University untersuchten die Wissenschaftler Ethan Bernstein und Stephen Turban zwei Unternehmen. Das Verhalten von 152 Mitarbeitern wurde dazu 15 Tage vor und 15 Tage nach dem Umzug in ein Großraumbüro untersucht. Mit Hilfe von tragbaren Messgeräten und der Auswertung von E-Mail-Verkehr und Messenger-Diensten wurde überprüft, inwiefern sich die soziale Interaktion geändert hat.

Und so kamen die Wissenschaftler zu überraschenden Ergebnissen: Die Häufigkeit von Gesprächen zwischen Mitarbeitern sank um ganze 70 Prozent. Im Durchschnitt redeten die Mitarbeiter 5,8 Stunden am Tag miteinander, doch nach dem Wechsel ins Großraumbüro waren es nur noch 1,7 Stunden. Anstatt die Kollegen persönlich zu adressieren, wichen die meisten Testpersonen auf die elektronischen Kommunikationswege aus. Es wurden 56 Prozent mehr E-Mails und 67 Prozent mehr Sofortnachrichten verschickt. Und auch die Länge der Nachrichten nahm zu. Probleme, die vermutlich in ein bis zwei Sätzen hätten geklärt werden können, wurden ausführlich niedergeschrieben.

Ein Rückzugsort für Mitarbeiter ist wichtig 

In ihrem Fazit bestätigen Bernstein und Turban, dass die positiven sozialen Auswirkungen von Großraumbüros ein Mythos sind. Vor allen Dingen müssen Mitarbeiter sich zurückziehen können, ansonsten „entwickeln Angestellte andere Strategien, um sich Privatheit zu verschaffen.“ Das Gefühl der Beklommenheit, welches viele in Großraumbüros spüren, resultiert aus einer Überstimmulation der Sinne, die sich in einem Abwehrmechanismus äußert. Um diesem Effekten vorzubeugen, kann der Arbeitgeber verdämmte Stellwände aufstellen, die für etwas Privatsphäre und Ruhe sorgen.

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Außerdem ist gegenseitige Rücksichtsnahme im Großraumbüro das A und O. Diese beginnt schon mit banalen Themen wie dem Lüften. Was dem Einen zu kalt ist, ist dem Anderen wieder zu warm. Daher sollten gemeinschaftliche Regelungen getroffen werden. Und auch laute Gespräche sowie der Geruch von Mahlzeiten sollten aus den großen Büros verbannt werden. So können Mitarbeiter trotz räumlicher Nähe besser miteinander arbeiten. Und vielleicht nehmen dadurch auch die persönlichen Interaktionen wieder zu.

Über Michelle Winner

Michelle Winner

Nachdem Michelle Winner Erfahrungen in einer Lokalzeitung und im Eventbereich gesammelt hat, unterstützt sie nun seit 2017 die Redaktion und schreibt für das OnlineMarketing.de Karrieremagazin über Themen rund um den Büroalltag.

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