Das Ende des Irrsinns? Die EU stellt die Weichen zur Abschaffung der Zeitumstellung

Richtiges Licht am Arbeitsplatz steigert die Leistungsfähigkeit. Neue Lichtkonzepte berücksichtigen den Biorhythmus des Menschen, im Gegensatz zur Zeitumstellung.

© Quelle: Fraunhofer IAO

Der Wecker klingelt. Es ist sieben Uhr. Zeit aufzustehen. Aber dein Körper ist anderer Ansicht. Der Melaninspiegel ist noch zu hoch, Blutdruck und Pulsfrequenz hingegen im Keller. Es fehlt eine Stunde Schlaf. Nächsten Montag ist es wieder soweit. In der Nacht vom Sonntag wird uns eine Stunde geklaut. Um zwei Uhr nachts wird die Uhr auf drei Uhr vorgestellt. Und das, obwohl die Zeitumstellung uns volkswirtschaftlich keinen Nutzen bringt und es zudem schädliche Auswirkungen hat, wenn man die innere Uhr von Millionen Menschen aus dem Takt bringt.

Am Dienstag hat das EU-Parlament für die Abschaffung der Zeitumstellung gestimmt und damit die Voraussetzung geschaffen, dass die Länder innerhalb von zwei Jahren dem Hin und Her endlich ein Ende bereiten können. Die letzte Umstellung auf die Winterzeit in Deutschland könnte dann im Oktober 2021 stattfinden.

Ein Relikt aus alten Zeiten

Wie umstritten das Thema ist, zeigt sich schon an seiner Geschichte: Historisch gesehen wurde die Zeitumstellung seit 1916 immer wieder erst beschlossen und später wieder abgeschafft. Die letzte Einführung der Sommerzeit kam dann 1980 nach der Ölkrise. Man hoffte, durch eine bessere Tageslicht-Ausnutzung Energie zu sparen, wenn die Werktätigkeit sich dem Sonnenaufgang angleicht, was sich allerdings weder damals noch heute bestätigte. Das Bundesumweltamt analysierte sogar, dass man während der Sommerzeit zwar am Abend elektrisches Licht spart, jedoch dafür am Morgen der kühleren Monate (März, April und Oktober) mehr geheizt werden muss. Dadurch steigt der Energieverbrauch sogar an, auch weil Licht mit modernen LEDs viel weniger Strom verbraucht als die alten Glühbirnen. Zum Vergleich: Bei gleicher Lichtleistung verbrauchen LEDs nur 10 bis 15 Prozent der Energie, die man benötigte, um Glühbirnen zu erleuchten.

Die innere Uhr gerät durcheinander

Die Zeitumstellung ist ungesund, das ist lange bekannt. Menschen mit Schlafstörungen, Kinder und Ältere sind besonders belastet. Vor allem die Umstellung auf die Sommerzeit, wenn die Uhr eine Stunde vorgestellt wird, bereitet Vielen Probleme. In der Woche nach der Zeitumstellung nimmt statistisch gesehen die Unfallhäufigkeit auf den Straßen zu, ca. 10 Prozent mehr Menschen suchen einen Arzt auf, die Schlaganfall-Gefahr ist erhöht und bei Männern auch die Herzinfarkt-Rate. Man vermutet außerdem einen Zusammenhang mit steigenden Fehlgeburten in den Tagen nach der Umstellung.

Auch wer nicht gleich krank wird, spürt die Auswirkungen. Viele klagen darüber, an den Tagen nach der Umstellung müde und unkonzentriert zu sein. Die innere Uhr arbeitet erstaunlich präzise und reagiert auf die plötzliche Veränderung im Schlaf-Wach-Rhythmus sehr sensibel. 

Virtual Sky – Arbeiten wie unter freiem Himmel

Da die meisten Menschen hauptsächlich in Gebäuden und mit künstlicher Beleuchtung arbeiten, bekommen wir ohnehin chronisch zu wenig Tageslicht. Wissenschaftler sprechen hier von sozialem Jetleg. Das Phänomen äußert sich in Müdigkeit, Konzentrationsschwäche und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Tageslichtlampen können helfen, diese Diskrepanz etwas auszugleichen. Ein besonders ermutigendes Beispiel für die Zukunft der Arbeit ist die innovative Bürobeleuchtung „Virtual Sky“. Sie wurde vom Fraunhofer Institut zusammen mit der LEiDs GmbH entwickelt und besteht aus großflächigen Lichtpanels an der Decke, die das Tageslicht des freien Himmels simulieren sollen. Dabei werden sogar vorbeiziehende Wolken nachgebildet. Der Effekt dieser Beleuchtung wurde vom Fraunhofer Institut untersucht. Es zeigte sich, dass vor allem die Dynamik der wechselnden Helligkeit einen positiven Einfluss auf Wachheit und Leistungsfähigkeit hat. Außerdem wird das Lichtambiente im Büro als besonders angenehm empfunden. Vielleicht sieht so die Zukunft der Beleuchtung in unseren Büros aus?

Über Johanna Hoffmann

Johanna Hoffmann

Johanna Hoffmann ist Soziologin und untersuchte viele Jahre als Marktforscherin in einer internationalen Medienagentur den Erfolg von Werbekampagnen. Sie interessiert sich insbesondere für das, was Menschen antreibt und schreibt seit März als Autorin für OnlineMarketing.de.

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