Der Aberglaube MBTI: Warum Persönlichkeitstests dir nicht bei deiner Karriere helfen

MBTI ist der weltweit meistgenutzte Persönlichkeitstest und findet bei diversen Unternehmen weiterhin Anwendung – und das oft ohne jeglichen Erfolg.

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Vor fast 100 Jahren nun wurde der Myer-Briggs-Typenindikator (MBTI) entwickelt und erfreut sich bis dato großer Beliebtheit, obwohl dieser bereits häufig als wissenschaftlich unzuverlässig bewertet wurde. Grundsätzlich würde das kein Problem darstellen – der Test ist schließlich harmlos und sich ein wenig Spaß damit zu erlauben, ist keineswegs verwerflich. Schwierig wird es jedoch, wenn ein Test ohne wissenschaftliche Zuverlässigkeit weiterhin aktiv Anwendung in diversen Unternehmen findet, speziell in Amerika. Der Test unterteilt nämlich in einen von 16 Persönlichkeitstypen, nennt deren definierende Eigenschaften, Stärken und Schwächen und auch, in welchen Karrierefeldern sie häufig auf Erfolge und Misserfolge stoßen, sowie die dazugehörigen Kompetenzen am Arbeitsplatz. Dementsprechend legt der Test eine These nahe: Bestimmte Persönlichkeitstypen sind für gewisse Berufe besser geeignet als andere. Dieses einfache Konzept wollen Unternehmen natürlich zum Vorteil nehmen. Wenn es eine bestimmte Bevölkerungsgruppe gibt, die besonders gut für die Arbeit geeignet ist, welche man anbietet – warum sollte man das nicht nutzen? Die Antwort ist so einfach wie problematisch: Es ist schlichtweg nicht fundiert und bringt keine nennenswerten Resultate mit sich, wodurch das Einstellverfahren anhand dieses Tests nichts als ein Rollen des Würfels ist. Ein derartiger Test sollte demnach keinen Platz in der Arbeitswelt haben, es sei denn, ihm liegen weitere Qualitäten zugrunde, die ihn hierfür qualifizieren. Liegen denn diese vor?

Die Struktur des Tests

Ich bin dem Test zufolge ein INTP. Was diese vier Buchstaben genau bedeuten, werde ich in Kürze erläutern, doch ist es bereits wichtig zu erwähnen, denn um darzulegen, inwiefern dieser Test dysfunktional ist und ihm auch eventuelle Vorteile anrechnen zu können, muss man ihn erst einmal in seiner Grundstruktur verstehen. Vorher wäre er schließlich nicht zu widerlegen.

Der Typenindikator umfasst wie erwähnt insgesamt 16 Persönlichkeitstypen, wobei diese mit jeweils vier Buchstaben abgekürzt werden. Diese vier Buchstaben stellen vier verschiedene Kategorien dar, wobei jede dieser Kategorien zwei mögliche Unterteilungen gibt. Das mag nun sehr komplex klingen, ist aber eigentlich relativ einfach. Die vier Kategorien sind folgende:

  • Motivation: Introvertiert (I)/Extrovertiert (E)
  • Aufmerksamkeit: Intuition (N)/Sensorik (S)
  • Entscheidung: Denken (T)/Fühlen (F)
  • Lebensstil: Wahrnehmung (P)/Beurteilung (J)

Ganz einfach erklärt lassen sich aus meinem Typen INTP nun also vier Aussagen schlussfolgern: Ich bin introvertiert, orientiere mich an meiner Intuition, treffe logische Entscheidungen übers Denken und bin eher spontan wahrnehmend veranlagt, als urteilend planend, ein auf der Internetseite bezeichneter Analyst. Natürlich handelt es sich hierbei aber nicht um die einzigen Aussagen, welche dieses Ergebnis über mich zulässt. Das Ergebnis entstammt 16personalities.com, einer Internetseite, auf welcher der MBTI-Test dem Original sehr nahe vollzogen werden kann, und sieht im Detail so aus:

Unterteilt hat mich der Test in die Kategorie INTP, Logiker. ©16Personalities

Im Folgenden gibt mir der Test nun eine Beschreibung meiner Persönlichkeit, beginnend damit, dass Leute wie ich nur drei Prozent der Weltbevölkerung ausmachen. Als kurze Beschreibung des Typs folgt:

Logiker sind stolz auf ihren Erfindungsreichtum und ihre Kreativität, ihre einzigartige Perspektive und ihren scharfen Intellekt. Der Logiker ist in der Regel bekannt als der Philosoph, der Architekt oder der verträumte Professor, und ist verantwortlich für viele wissenschaftliche Entdeckungen im Laufe der Geschichte. Logiker lieben gedankliche Muster und es ist geradezu ein Hobby für sie, Widersprüche zwischen Aussagen zu erkennen. Daher ist es keine gute Idee, einen Logiker anzuschwindeln. Ironischerweise müssen Äußerungen von Logikern immer mit einer gewissen Vorsicht betrachtet werden. Logiker sind nicht unehrlich, tendieren jedoch dazu, Gedanken zu äußern, die nicht vollständig ausgereift sind. Dabei sind andere Menschen oftmals keine wirklichen Gesprächspartner für sie, sondern vielmehr ein Resonanzboden für Ideen und Theorien in einer Debatte mit sich selbst.

Das klingt doch erstmal relativ fundiert und wirft die Frage auf, inwiefern dieser Test denn nichtsdestoweniger dermaßen ins Leere zu treffen scheint. Die Probleme sind dabei allerdings bereits ersichtlich und plausibel.

Das Problem der Inkonsistenz

Wenn man einen Blick auf meine Ergebnisse wirft, wird man feststellen, dass die Parameter der verschiedenen Kategorien in Prozentzahlen auf einer Skala von insgesamt 100 Prozent unterteilt sind. Die Kategorien sind dabei nur dichotom und daraus ergibt sich folgendes Problem: Wenn ich einen Wert von 51 Prozent bei Introversion erziele und einen dementsprechenden Wert von 49 Prozent bei Extraversion, ist es dann gerechtfertigt, mich als introvertiert zu bezeichnen? Dieses Problem weitet sich dann noch insofern aus, dass die vorliegenden Testergebnisse inkonsistent sind. Zuletzt erzielte ich das Ergebnis INFP, im Sinne dieses Artikel machte ich den Test nochmal. Das letzte Mal schmeichelte mir das Ergebnis ein wenig, da auch stets weitere Angehörige dieses Typs genannt werden bei Abschluss des Tests – und als Schriftsteller freute ich mich natürlich, in derselben Kategorie wie Shakespeare, Tolkien und Wordsworth zu sein. INTP ist nicht weniger schmeichelhaft. Bill Gates, Albert Einstein, René Descartes und Isaac Newton – allesamt tolle Ergebnisse, nur sind diese lediglich dazu da, meine Skepsis gegenüber des Tests zu entwaffnen, denn wer würde nicht gerne von sich behaupten, die geborene Amalgamierung von Shakespeare und Einstein zu sein? Aber so sollte der Test doch gar nicht erst funktionieren – im Optimalfall bin ich nur ein Typ, entweder Shakespeare oder Einstein. Genau hierin liegt das Problem.

Nun könnte man natürlich argumentieren, dass Menschen sich mit der Zeit ändern und auch  die MBTI-Ergebnisse variieren. Das ist natürlich richtig, nur habe ich den Test zuletzt vor einem Monat gemacht – in dieser Zeitspanne sollte keine grundlegende Änderung meines Charakters erfolgen – und zwischen Einstein und Shakespeare liegen Welten. Nun ließe sich natürlich sagen, dass dies auch nicht der Fall sei, schließlich habe sich nur ein Buchstabe geändert, mehr nicht. Wie viel Bedeutung dieser eine Buchstabe jedoch hat, zeigt sich, sobald man die Beschreibung des Typs INFP, des sogenannten Mediatoren, begutachtet:

Menschen vom Persönlichkeitstyp des Mediatoren sind wahre Idealisten. Sie versuchen, selbst bei den schlechtesten Menschen und bei Katastrophen das Gute zu sehen und suchen nach Möglichkeiten, Dinge zum Besseren zu wenden. Mediatoren gelten zumeist als ruhig, zurückhaltend oder sogar schüchtern, besitzen aber eine Leidenschaft und innere Flamme, die hell leuchten kann. Mediatoren orientieren sich mehr an ihren Prinzipien als an Logik, Begeisterung oder Machbarkeit. Wenn sie sich für einen Weg entscheiden, schauen sie auf Wertgefühl, Schönheit, Moral und Tugend. Mediatoren werden von der Reinheit ihrer Absicht geführt, nicht von Belohnungen und Strafen. Mediatoren sind zurecht stolz auf diese Haltung, aber nicht jeder versteht die zugrundeliegende Motivation, und dies kann für sie zur Isolation führen.

Ich denke nicht, das erwähnen zu müssen, aber das sind zwei vollkommen verschiedene Arten von Menschen. Problematisch ist, dass ich hierbei keine Ausnahme darstelle, sondern dieses Problem häufig auftaucht. Ein wissenschaftlich profunder Test erzielt bei mehrfacher Ausführung dieselben Ergebnisse – MBTI ermöglicht dies jedoch nicht. Häufig wird beobachtet, dass Menschen immer und immer wieder verschiedene Ergebnisse erzielen und das innerhalb nur kurzer Zeitspannen. Hierbei tut sich natürlich bereits das erste Problem für die eigene Karriere auf und zwar eines, das bei vielen Persönlichkeitstests vorliegt: Wenn man mit der These arbeitet, dass einzelne Typen besser geeignet sind für bestimmte Berufe, dann müssen diese Typen zumindest auch feststehen und sich nicht binnen zweier Tage wieder ändern. Ein INTP soll einen Wissenschaftler par excellence darstellen, ein INFP hingegen nicht. Auf den Test ist für die Karriere ergo kein Verlass, die Unterteilung ist schlichtweg zu inkonsistent.

Unzuverlässige Identifikation

Eine Aussage, die hierauf dennoch oftmals folgt, ist, dass man sich trotzdem überaus gut mit der gegebenen Beschreibung identifizieren kann. Natürlich kann man das, schließlich soll man das auch. Es ist womöglich bereits aufgefallen, dass die gegebenen Beschreibungen meiner beiden Typen sehr vage gehalten sind. Einfache Aspekte, mit denen man sich schnell identifizieren kann. Idealistisch, immer das Gute sehen, ruhig, leidenschaftlich, prinzipientreu – das sind alles keine tiefen Charakteranalysen, sondern schlichtweg Eigenschaften, bei denen viele Leute dazu tendieren, diese in sich zu sehen. Sofern drei von fünf hierbei zutreffen, sind viele Absolventen des Tests bereit darüber hinwegzusehen, dass es zwei weitere nicht zutreffende Beschreibungen gibt. Ich will nicht sagen, dass diese Beschreibung unzutreffend sind, keineswegs. Ich sehe mich beispielsweise auch als sehr ruhig, idealistisch und versuche das Guten in Menschen zu sehen, im Falle des INFPs. Nur lassen sich diese Charaktereigenschaften sehr einfach diversen Leuten zuschreiben, sodass diese sich einfach damit identifizieren können. Das heißt allerdings auch im Gegenzug, dass die Identifikation nicht zuverlässig ist, da die Chancen sehr gut stehen, dass man noch bei mindestens vier weiteren Typen sagt: „Wow, das bin sowas von ich!“

Im Übrigen sind das nicht die einzigen Argumente, die man zur Infragestellung des Wahrheitsgehalts vom MBTI anbringen kann, die Liste ist lang, das sind jedoch zwei der meiner Meinung nach schwerwiegendsten Argumente. Die Ergebnisse sind inkonsistent und zusätzlich nicht sonderlich akkurat. Sowas passiert in der Wissenschaft, das ist vollkommen in Ordnung und kann weiterhin neue Ergebnisse mit sich bringen, wenn auch nur, dass Menschen sich nicht so einfach unterteilen lassen. Spaß macht der Test nichtsdestotrotz – ich für meinen Teil bin, obwohl ich weiß, dass sich hinter dem Test keine valide Basis verbirgt – jedesmal gespannt zu sehen, welches Ergebnis ich kriege. Zum Spaß ist dieser Test also vollkommen harmlos und das ist auch der positive Aspekt des Tests, denn interessant ist er allemal. Wenn er sich allerdings so einfach untergraben lässt, warum findet der MBTI dann weiterhin Anwendung?

Sehr viel Geld und Schachteldenken

Im Prinzip sind das die beiden großen Argumente, warum der Test sich aktuell halten kann. Jährlich nehmen über zwei Millionen Leute an diesem Test teil und lassen ihr Ergebnis zertifizieren – wie gesagt erfreut sich der Test speziell in Amerika großer Beliebtheit – und das Unternehmen, welches diese Tests durchführt, verdient dadurch über 20 Millionen US-Dollar im Jahr. Es ist also bereits etabliert und wer so viel Geld in etwas gesteckt hat, erhofft sich oftmals auch Resultate – doch stehen die schlichtweg aus. Der kluge Weg wäre nun hier aufzuhören, sich freuen, ein bisschen Geld sparen zu können und damit hätte sich diese Angelegenheit auch erledigt. Dem Test zufolge sollten acht Typen diese rationale Entscheidung treffen können.

Das Problem ist dabei jedoch ein bisschen tiefgreifender. Menschen lieben Schachteldenken – und der Erfolg von Dingen wie dem MBTI ist das Symptom davon. Wir sehen, wie sehr Menschen zum Schachteldenken tendieren, wenn wir auf Klischees blicken oder sagen, etwas sei typisch Mann/Frau. Wenn wir einen Blick ins Horoskop werfen und einzelnen Sternzeichen bestimmte Attribute zuschreiben. Es ist einfach, Menschen in eine Kiste stecken zu können und wenn es nur 16 Kisten gibt: umso besser. Dabei verhält es sich eher so: Menschen sind von einer inhärenten Komplexität geprägt, welche nur für die wenigsten von uns tatsächlich greifbar ist – wenn überhaupt. Es ist schwer, einander vollends nachvollziehen zu können, da es zu viel gibt, was uns als Person ausmacht, als dass wir nur eine Checkliste mit Eigenschaften aufstellen können, durch die wir alle Menschen in Kategorien unterteilen können. Wir sind füreinander vielmehr Bücher, deren Sprache wir nicht sprechen, weshalb wir es weder lesen noch verstehen können – und wenn überhaupt, ist das typisch Mensch.

Sich eine Karriere anhand von Persönlichkeitstests aufzubauen funktioniert leider nicht, das wäre zu einfach und du bist als Mensch zu individuell, als dass dir ein Test pauschal sagen kann, in welche Richtung dein Leben verlaufen sollte. Werde dir für den Arbeitsplatz deiner eigenen Stärken bewusst, sei dir klar, wohin deine Karriere dich führen soll und sei froh, dass es jemanden wie dich in der Arbeitswelt nur ein einziges Mal gibt, statt nur einer von vielen in deiner Kategorie zu sein. Wer weiß, eventuell können Tests wie dieser dir dabei sogar helfen, doch darauf verlassen sollte man sich nicht. MBTI und weitere Tests dieser Art sind kein Karriereguru, kein Wegweiser, sondern eher ein kleiner Partyspaß, doch kann man diesen damit zumindest haben.

Über Toni Gau

Toni Gau

Toni Gau ist freischaffender Blogger, wobei sein Augenmerk auf Popkultur, Literatur und Storytelling liegt, mit eigens geschriebenen Geschichten zwischendrin. Nach dazugehörigem Studium setzt er hier nun seine Arbeit fort und schreibt seit März 2019 für OnlineMarketing.de

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