3 von 10 würden ihren Chef durch KI ersetzen – Furcht vor Konfrontation?

Die Rolle des Chefs in einem Unternehmen kann auch negative Projektionen zulassen. So hat fast jeder Zweite Angst davor, Probleme mit diesem zu besprechen. Manche ziehen sogar eine KI vor.

Viele Mitarbeiter wünschen sich mehr Künstliche Intelligenz im Job, © Luis Villasmil - Unsplash

Trotz New Work, Startup-Kultur und Gleichberechtigungsbestrebungen haben noch immer viele Mitarbeiter eine etwas belastete Beziehung zu ihren Vorgesetzten oder Chefs. Immerhin würde gut ein Drittel diese Position durch eine KI ersetzen, wenn möglich. Was könnten die Beweggründe sein? Vielleicht eröffnet eine andere Studie eine neue Perspektive: sie sagt, dass sehr viele Angst haben, Probleme an Vorgesetzte heranzutragen.

Die KI soll dem Chef helfen – oder ihn ersetzen

Der Bitkom hat eine Umfrage unter 515 Berufstätigen durchgeführt und ermittelt, dass sich viele die Künstliche Intelligenz als Unterstützung auch im Arbeitsalltag vorstellen können. Während sich 44 Prozent wünschen, dass der Chef durch eine KI zum Beispiel mit automatisierten Analysen für schneller abrufbare und effizientere Ergebnisse unterstützt wird, könnten sich drei von zehn Befragten sogar vorstellen, dass die Führungskraft komplett durch eine Künstliche Intelligenz ersetzt wird. Hier scheint es bei einigen Teilnehmern der Umfrage also Vorbehalte gegen die Chefs zu geben; ob diese menschlicher, fachlicher oder emotionaler Natur sind, bleibt jedoch offen.

Einige Mitarbeiter wünschen sich statt Chefs eine KI, © Bitkom

Bitkom-Präsident Achim Berg geht aber davon aus, dass KI in naher Zukunft nur unterstützend tätig sein wird:

Künstliche Intelligenz wird in absehbarer Zukunft in den allermeisten Fällen weder Vorgesetzten noch Mitarbeitern die Arbeit komplett abnehmen, sondern sie bei ihrer Tätigkeit unterstützen. Wer hofft, seinen Chef auf diesem Weg loszuwerden, wird sich noch etwas gedulden müssen.

Gegenüber anderen Kollegen sind die Mitarbeiter nur halb so sehr darauf bedacht, sie durch eine KI ersetzt zu wissen. 17 Prozent würden einen oder mehrere Kollegen austauschen, so möglich, und sich damit in einen futuristischeren Büroalltag wagen.

Dass die KI im Arbeitsleben immer mehr Einfluss nehmen wird, steht außer Frage. Im Alltag begegnet sie uns via Sprachassistenz, beim Feintuning der Suche auf Websites oder Suchmaschinen oder sogar in manchen Läden oder Institutionen. Berg geht jedoch davon aus, dass die Technologie trotz ihrer vielen Potentiale vorerst nicht eigenständig in Unternehmen tätig sein wird:

Schon heute erhalten Techniker Hinweise auf die wahrscheinlichste Fehlerursache oder Ärzte Hilfe bei der Auswertung von Röntgenbildern. KI wird in Zukunft auch Hilfe bei weitreichenden Managemententscheidungen geben – diese aber nicht selbsttätig treffen.

Schürt Angst vorm Chef die Hoffnung auf KI?

Die unterstützende Power von KI hätten nun manche gerne als vorgesetzte Kraft. Warum? Ein Grund, abgesehen von Aversionen und dem Zweifel an den fachlichen Fähigkeiten der Person  könnte Angst sein. Der Deutsche Gewerkschaftsbund hat Ende letzten Jahres eine Studie veröffentlicht, nach der sich beinah jeder Zweite (44 Prozent) davor fürchtet, Probleme gegenüber Vorgesetzten zu äußern. Dass das mit einer Angst vorm Chef gleichzusetzen ist, muss zumindest relativiert werden. Denn Probleme sind nicht zwingend alltäglich von der Größenordnung, dass sie dem Vorgesetzten angetragen werden müssen. Zudem ist ein gewisser, manchmal womöglich falsch verstandener, Respekt vor der Führungskraft manchen ein Hemmnis bei der Kommunikation – was jedoch ein etabliertes Muster darstellt, das erst allmählich aufgebrochen wird. Ein Anzeichen dafür: bei den unter 25 Jahre alten Befragten fällt der Wert auf 30 Prozent.

Obwohl eine KI Vorgesetzte in naher Zukunft also nicht ablösen wird, kann sie dennoch dabei helfen, Barrieren abzubauen, die für viele Mitarbeiter offenbar weiterhin bestehen. So könnte über den sinnvollen Einsatz Künstlicher Intelligenz allerdings ein Kommunikationssystem geschaffen werden, dass es allen Mitarbeitern erleichtert, Probleme vorzutragen, zu vermitteln oder womöglich direkt digital zu dokumentieren. Schwierigkeiten anzusprechen ist nicht leicht, doch genau das könnte zur Produktivitätssteigerung führen. Daher sind Unternehmen gut beraten, eine flache Hierarchie bei der internen Kommunikation zu fördern. Dabei kann KI ebenso helfen wie bei der Erfassung von Arbeitsfortschritten, die durch eine automatisierte Dokumentation für die Chefs eine Wertschätzungspolitik erleichtern. Denn während 77 Prozent der Arbeitnehmer mit hochkomplexen Tätigkeiten Wertschätzung erfahren, fällt dieser Wert auf 56 Prozent, wenn die verrichtete Arbeit eine Hilfstätigkeit oder ähnliches darstellt.

KI kann helfen, doch es liegt in der Hand der Menschen, Mitarbeiter zu unterstützen

Die Künstliche Intelligenz, die sich viele Arbeitnehmer in ihrem Berufsalltag gut vorstellen könnten, hat also Potential, um das Arbeitsklima zu verbessern. Unabhängig von diesen Möglichkeiten ist das jedoch stets Aufgabe einer guten Führungskraft. Kann eine Chefin oder ein Abteilungsleiter Barrieren abbauen und Wertschätzung vermitteln, wird die Angst vor der Konfrontation eher vertrieben. Dann würden sicher auch weniger Menschen ihren Chef ohne Weiteres gegen eine KI eintauschen wollen. Das sollte das Ziel jeder Führungskraft sein. Immerhin hat ein Mensch ganz andere Aspekte zu bieten als eine KI – das sollte man den Mitarbeitern dann auch öfter zeigen. Gern in Zukunft auch Hand in Hand mit der Technologie.

Über Niklas Lewanczik

Niklas Lewanczik

Niklas hat an der Uni Hamburg Deutsche Sprache und Literatur sowie Medien- und Kommunikationswissenschaften studiert und schreibt als Redakteur über Social Media, SEO und innovative Themen im Kontext des digitalen Marketing. Wenn er sich nicht gerade dem Marketing zuwendet, dann womöglich den Entwicklungen im modernen Fußball oder dem einen oder anderen guten Buch.

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